Dominanz des völkisch-nationalistischen Flügels (2019–2022)
Ende 2019 stand die AfD vor der Frage, wie sie mit den gewachsenen Machtansprüchen des „Flügels” umgehen solle. Die ostdeutschen Landesverbände, in denen völkisch-nationalistische Kräfte besonders stark vertreten waren, hatten bei den Landtagswahlen hohe Ergebnisse erzielt. Höcke äußerte beim Kyffhäusertreffen im Juli 2019 Kritik am Bundesvorstand. Gegen seine Ambitionen formierte sich Widerstand: Eine erhebliche Anzahl von Parteivertreter*innen, darunter der damalige stellvertretende Bundessprecher Kay Gottschalk und der damalige Landesvorsitzende und Fraktionsvorsitzende von Berlin, Georg Pazderski, lehnte den „Personenkult”
Der am 30. November und 1. Dezember 2019 abgehaltene Bundesparteitag in Braunschweig markierte eine Zäsur in der innerparteilichen Machtstruktur. Zwar übernahmen die Anhänger*innen des „Flügels” die Partei zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig, doch der Parteitag machte deutlich, dass sie die personelle Aufstellung fortan entscheidend prägten. Gauland kandidierte nicht erneut, da er sich auf sein Amt als Fraktionsvorsitzender konzentrieren wollte. An seiner Stelle wurde Tino Chrupalla aus Sachsen gewählt. Er gehörte dem „Flügel” nicht an, wurde von diesem aber akzeptiert. Als Handwerker ohne akademischen Hintergrund repräsentierte er einen anderen Typus als die bisherigen Führungsfiguren der Partei und verkörperte zugleich die ostdeutschen Landesverbände. Trotz einer ungeplanten Gegenkandidatur von Gottfried Curio entschied Chrupalla die Stichwahl mit 54,5 Prozent für sich.
Meuthen wurde erneut Co-Vorsitzender. Andreas Kalbitz und Stephan Protschka wurden als Beisitzer wiedergewählt, Stephan Brandner als stellvertretender Bundesvorsitzender gewählt.
Die Alternative Mitte bewertete den Parteitag als besorgniserregenden Wendepunkt. In einem Facebook-Beitrag bezeichnete sie ihn als „abschreckendes Zeichen”
Die Spannungen nahmen zu, als im März 2020 das Bundesamt für Verfassungsschutz den „Flügel” als rechtsextremistische Bestrebung einstufte.
Beim „Flügel” handelte es sich nicht um eine rechtlich selbständige Organisation, sondern um einen losen Verbund von Mitgliedern der AfD ohne Rechtsform.
Der Parteiausschluss von Kalbitz wurde damit begründet, dass er bei seinem Parteieintritt frühere Mitgliedschaften in rechtsextremen Gruppierungen verschwiegen habe (dazu unter D.I.1.c)).
Der Beschluss stieß auf innerparteilichen Widerstand. Die Brandenburger Landtagsfraktion änderte ihre Geschäftsordnung, sodass Kalbitz trotz der Annullierung seiner Parteimitgliedschaft als parteiloses Mitglied in der Fraktion bleiben konnte.
Statt die Partei zu stabilisieren, verschärfte diese Entscheidung den Machtkampf.
Den letzten öffentlichen Versuch, die Partei zu mäßigen, unternahm Meuthen auf dem Parteitag in Kalkar im November 2020. In seiner Rede wandte er sich gegen die Querdenken-Bewegung wegen deren „skurrile[n], zum Teil auch offen systemfeindlichen Positionen und Ansichten”.
Der Leitantrag zur Sozialpolitik, den die AfD Ende November 2020 in Kalkar mit 88,6 Prozent der Delegiertenstimmen annahm, verwarf Meuthens wirtschaftsliberale Kernforderung nach Abschaffung der gesetzlichen Rentenversicherung und bekannte sich stattdessen zum umlagefinanzierten System. In der Systemfrage setzte sich damit die Position Höckes durch. Sein Kerninstrument, die „Staatsbürgerrente” exklusiv für Inhaber eines deutschen Passes, fand indes keine Mehrheit.
Obwohl der Verfassungsschutz zwischen März 2020 und Juli 2022 neun Landesverbände als Verdachtsfälle und die Verbände in Sachsen, Sachsen-Anhalt sowie Thüringen als gesichert rechtsextremistisch einstufte, blieb die interne Machtverteilung davon unberührt.