Delegitimierung von Staat, Konkurrenz und Medien
Die AfD betreibt seit Jahren eine systematische Delegitimierung zentraler demokratischer Institutionen und ihrer politischen Gegner*innen. Die Delegitimierung von Institutionen und insbesondere der Regierung wird in diesem Gutachten nicht als per se demokratiefeindliche Ausrichtung gewertet (siehe oben B.II.2), sie ist aber Teil eines planvollen Vorgehens zur Erlangung von Macht. Die AfD stellt die etablierten Parteien als illegitime Vertretung der Bürger*innen dar (dazu unter F.II.3.a)) und deutet parlamentarische Mehrheitsentscheidungen gegen die AfD konsequent als Ausdruck einer korrupten Elite (dazu unter F.II.3.b)). Zivilgesellschaftliche Organisationen, die ihr kritisch gegenüberstehen, versucht sie diskursiv zu delegitimieren und durch parlamentarische Instrumente unter Druck zu setzen (dazu unter F.II.3.c)). Denselben Delegitimierungsmustern folgt ihr Verhältnis zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dessen institutionelle Schwächung sie programmatisch anstrebt (dazu unter F.II.3.d)). Dass es der Partei dabei weniger um sachliche Kritik als um die Einschränkung kritischer Stimmen ihr gegenüber geht, zeigt sich schließlich an ihrem systematischen Druck auf die Schulneutralität (dazu unter F.II.3.e)).
Delegitimierung der anderen Parteien und des Parlamentarismus
Abschnitt betitelt „Delegitimierung der anderen Parteien und des Parlamentarismus“Die AfD betrachtet die etablierten Parteien als Feindbild. Mit Begriffen wie „Altparteien”
Parlamentarisches Verhalten als Strategie der Delegitimierung
Abschnitt betitelt „Parlamentarisches Verhalten als Strategie der Delegitimierung“Diese Logik hat unmittelbare Konsequenzen für das Verhältnis der AfD zum Parlament: Parlamentarische Mehrheitsentscheidungen gegen die AfD werden nicht als demokratisches Ergebnis eines legitimen Aushandlungsprozesses anerkannt, sondern als Ausdruck jener korrupten Elite, die den wahren Volkswillen unterdrückt. Das Parlament wird damit vom Ort demokratischer Repräsentation zum Instrument des Gegners umgedeutet.
Diese ideologische Prämisse schlägt sich auch im parlamentarischen Verhalten der AfD nieder. Seit die AfD 2017 im Bundestag vertreten ist, haben die parlamentarischen Ordnungsrufe stark zugenommen. In der 18. Wahlperiode von 2013 bis 2017 wurden zwei Ordnungsrufe erteilt, in der 17. nur einer und in der 16. ebenfalls zwei. In der 19. Wahlperiode von 2017 bis 2021 waren es hingegen 47
Über den alltäglichen Parlamentsbetrieb hinaus zeigte sich die Strategie, demokratische Verfahren zu stören, bei der konstituierenden Sitzung des Thüringer Landtags am 26. September 2024. Die AfD nutzte die formal-zeremonielle Funktion des Alterspräsidenten, um die Konstituierung des Parlaments zu blockieren. Jürgen Treutler verweigerte die Feststellung der Beschlussfähigkeit
Angriffe auf Zivilgesellschaft
Abschnitt betitelt „Angriffe auf Zivilgesellschaft“Die AfD inszeniert sich zwar als Stimme des ‚Volkes’, betrachtet aber weite Teile der Zivilgesellschaft als politische Gegner*innen. Zivilgesellschaftlichen Akteur*innen spricht sie ihre Unabhängigkeit ab, betrachtet sie als staatlich finanzierte Instrumente der etablierten Parteien — der AfD-Bundestagsabgeordnete Tobias Peterka spricht von einer „zombifizierte[n] Schein-Zivilgesellschaft”
Anstatt die einseitige Förderung politisch linksgerichteter NGOs zu beenden, wird ihr Etat sogar noch aufgestockt. Damit werden Strukturen ausgebaut, die weder zivilgesellschaftlich noch unabhängig sind, sondern am Tropf der Bundesregierung hängen und systematisch in die politische Willensbildung eingreifen.
Noch schärfer formulierte es die Europaabgeordnete Christine Anderson im August 2024 auf Facebook, indem sie die Zivilgesellschaft insgesamt mit den Massenorganisationen der SED gleichsetzte:
[J]eder mit Durchblick weiß: Die heutige sog. Zivilgesellschaft ist nichts anderes als das mit Steuergeld angefütterte politische Vorfeld der Regierungs- und Altparteien. Durchsetzt mit staatlich finanzierten Vereinen, Bündnissen, Medienschaffenden und NGOs ist dies nichts anderes als das, was einst in der DDR die Massenorganisationen der SED waren: Kettenhunde und Speichellecker des Establishments. Wer hier ernsthafte Aufklärung erwartet, dem ist nicht mehr zu helfen.
Über die diskursive Delegitimierung hinaus versucht die AfD auch institutionellen Druck auf die Zivilgesellschaft auszuüben. Am 16. Dezember 2025 beantragte die AfD-Fraktion im Bundestag einen Untersuchungsausschuss, der
die Zusammenarbeit der Bundesregierung mit sog. „Nichtregierungsorganisationen” („NGOs”) untersuchen. Insbesondere soll untersucht werden, inwieweit personelle Überschneidungen und Verbindungen zwischen „NGOs”, Bundesministerien und Bundesbehörden bestehen oder bestanden und inwieweit „NGOs”, die sich politisch betätigen, staatliche Förderung erhalten oder erhielten.
Fraktionsmitglied Tobias Peterka forderte zu Beginn der Debatte, „[d]ie Verstrickungen von Staat und Parteien mit sogenannten NGOs müssten ‚kompromisslos durchleuchtet und ausgemistet werden’”
Ein weiteres Instrument, mit dem die AfD Druck auf die Zivilgesellschaft ausübt, sind Kleine Anfragen. Solche Anfragen sind ein legitimes und wichtiges parlamentarisches Instrument. Die AfD macht davon in hohem Maß Gebrauch. In der 19. Wahlperiode von 2017 bis 2021 stellte sie 3.479 Kleine Anfragen, wobei sie noch knapp hinter der FDP mit 3.747 Anfragen lag.
Die bereits erwähnte Studie zur Nutzung der Kleinen Anfragen der AfD-Fraktion in Thüringen des IDZ zeigt, dass die AfD das Instrument in der 6. Wahlperiode 2014—2019 neben Anfragen zu Asyl, Migration und Islam sowie Innerer Sicherheit (siehe oben F.II.1.c)) am dritthäufigsten (101 Anfragen) gegen zivilgesellschaftliche und wissenschaftliche Akteur*innen sowie Projekte richtete, die häufig staatlich gefördert sind. Dabei konfrontiert die AfD unter anderem Akteur*innen, die ihr kritisch gegenüberstehen oder sich gegen die Diskursverschiebung einsetzen, mit abwegigen Vorwürfen wie einer Nähe zum „Linksextremismus”. Die Analyse kommt zu dem Schluss, dass „die AfD aus dem Parlament heraus einen autoritären Gegenangriff auf die Zivilgesellschaft und besonders auf die zivilgesellschaftliche Demokratieförderung”
Es geht der AfD damit nicht nur um Kritik an konkreten Mängeln in der Fördervergabe oder eine grundsätzliche Debatte über die Rolle staatlich finanzierter Zivilgesellschaft, sondern um die Schwächung jener Strukturen, die ihr und ihren Zielen kritisch gegenüberstehen. Dass die Partei dabei eine Zivilgesellschaft in ihrem eigenen Sinne anstrebt, zeigt ein internes Strategiepapier von 2026, das den Aufbau eigener Gemeinschaftszentren in ländlichen Räumen
Angriffe auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk
Abschnitt betitelt „Angriffe auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk“Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist für die AfD ein Feindbild. Ihm warf etwa der Landesvorsitzende und Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt Ulrich Siegmund im Januar 2024 vor, Bürger*innen zu „manipulieren”
Dort, wo die Grenzen des Sagbaren erweitert werden, bröckelt die Macht eines polit-medialen Komplexes, der gegen Bürger und Volk agiert.
Auf Grundlage dieses Feindbilds forderte die AfD in ihrem Grundsatzprogramm von 2016 und in ihrem aktuellen Bundestagswahlprogramm von 2025 eine grundlegende Reform des ÖRR:
Dessen Zwangsfinanzierung ist umgehend abzuschaffen und in ein Bezahlfernsehen umzuwandeln. […] Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird so zu einem Bürgerrundfunk, welches ausschließlich von seinen zahlenden Zuschauern und nicht mehr von der Politik abhängig ist.
In seiner jetzigen Form ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht mehr zeitgemäß. Er muss grundlegend reformiert, verschlankt und entideologisiert werden.
Die AfD setzt sich vehement für eine nachhaltige Strukturreform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ein, dessen Aufgabe allein eine gebührenfreie Grundversorgung mit Informations-, Kultur- und Regionalprogrammen sein soll.
Viele Landesverbände gehen in ihren Wahlprogrammen noch weiter und fordern die Kündigung der Rundfunkstaatsverträge.
Das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem ist überholt. Um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk reformieren zu können, sind die Rundfunkstaatsverträge zu kündigen.
Alice Weidel formulierte das strategische Ziel 2018 so: „Unser ambitioniertes Fernziel ist es, dass die Deutschen irgendwann AfD und nicht ARD schauen.”
Die geforderten Maßnahmen zeigen vor dem Hintergrund, dass die AfD den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als manipulative Instanz der etablierten Parteien versteht, dass es ihr nicht um eine sachliche Medienpolitik geht. Stattdessen zielen die Forderungen auf die Delegitimierung einer Institution, deren kritische Berichterstattung nicht durch inhaltliche Auseinandersetzung, sondern durch institutionelle Schwächung beantwortet werden soll.
Angriff auf die Schulneutralität
Abschnitt betitelt „Angriff auf die Schulneutralität“Dass es der AfD vor allem darum geht, Kritik an ihr einzuschränken, zeigt sich auch am Thema Schulneutralität. Die Partei übt systematisch Druck auf Schulen aus, was sich an der steigenden Zahl parlamentarischer Kleiner Anfragen in diesem Bereich ablesen lässt. 2025 stellte sie dazu bundesweit 45 Kleine Anfragen, 2024 waren es noch 21.