Die Bundes- und Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla
Die Doppelspitze ist in der deutschen Parteienlandschaft vor allem bei linken Parteien verbreitet, etwa bei Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke und zuletzt auch der SPD. Sie dient in der Regel dazu, unterschiedliche innerparteiliche Strömungen abzubilden.
Beide vertreten jedoch keine grundlegend unterschiedlichen innerparteilichen Strömungen. Während Chrupalla in der Vergangenheit Unterstützung vom „Flügel” erhielt
Alice Weidel
Abschnitt betitelt „Alice Weidel“Alice Weidel trat 2013 in die AfD ein. 2015 wurde sie in den Bundesvorstand gewählt, 2017 übernahm sie gemeinsam mit Gauland den Vorsitz der Bundestagsfraktion. Innerhalb der Partei gilt sie eher als Repräsentationsfigur denn als Organisatorin. Aus Parteikreisen heißt es, sie fehle bei wichtigen Sitzungen und sei kein „Arbeitstier”
Politische Verortung
Abschnitt betitelt „Politische Verortung“Weidel ist promovierte Volkswirtin mit internationalem Lebenslauf, führt eine Partnerschaft mit einer aus Sri Lanka stammenden Frau, mit der sie zwei Kinder hat, und hat einen zweiten Wohnsitz in der Schweiz. Damit entspricht sie nicht dem gängigen Bild einer extrem rechten Politikerin. Zugleich soll sie bereits früh extreme Positionen vertreten haben. In einer Phase, in der sie noch dem Lucke-Flügel zugerechnet wurde, soll sie schon Bezeichnungen wie „kulturfremde[n] Völkern”
Der Grund, warum wir von kulturfremden Voelkern wie Arabern, Sinti und Roma etc ueberschwemmt werden, ist die systematische Zerstoerung der buergerlichen Gesellschaft als moegliches Gegengewicht von Verfassungsfeinden, von denen wir regiert werden.
Das Schreiben enthält neben rassistischen und antiziganistischen auch antisemitische Formulierungen und Reichsbürgervokabular. Politiker*innen werden darin als „Schweine” bezeichnet, die „nichts anderes als Marionetten der Siegermaechte des 2. WK” seien, und Deutschland sei nicht „souveraen”
In späteren Jahren äußerte sich Weidel wiederholt in ähnlicher Weise. In der extrem rechten Zeitung Junge Freiheit schrieb sie etwa, „[d]as muslimische Gemeinwesen ist einzig und allein auf die Errichtung eines Gottesstaates ausgerichtet”, weshalb es für den Islam „keine prinzipielle Religionsfreiheit”
Kopftücher gehören aus dem öffentlichen Raum und von der Straße verbannt. Das sollte auf jeden Fall gesetzlich festgelegt werden. Ich bin für ein völliges Verbot von Niqab und Burka — überall. Das Tragen sollte unter eine empfindliche Geldstrafe gestellt werden. Das meine ich ganz ernst. Männer und Frauen sind im Islam nicht gleichberechtigt und das Kopftuch ist ein absolut sexistisches Symbol dafür. Und ich habe auch keine Lust, ständig darüber zu diskutieren. Denn das Kopftuch gehört nicht zu Deutschland.
Auch geschichtsrevisionistischer Narrative bedient sich Weidel. In einem Beitrag auf Facebook schrieb sie 2017:
Nach 1945: Aus dem kollektiven Gedächtnis erfolgreich gelöscht. Die Gräueltaten an der deutschen Bevölkerung nach dem zweiten Weltkrieg. Man hat gewartet bis die Zeugengeneration stirbt, um für immer zu schweigen. Denn es mag so gar nicht zu dem Schuldkult passen.
Erfolg durch Opportunismus
Abschnitt betitelt „Erfolg durch Opportunismus“Weidels politischer Aufstieg ist von strategischem Opportunismus geprägt. Sowohl aktive als auch ehemalige Parteimitglieder vertreten die Ansicht, dass für Weidel der politische Erfolg das maßgebliche Motiv sei.
Zu Beginn ihrer Parteikarriere positionierte sie sich im wirtschaftsliberalen Lager um Bernd Lucke. 2015 wandte sie sich dessen Gegnerin Frauke Petry zu. Später profitierte sie maßgeblich von der politischen Unterstützung durch Alexander Gauland.
Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung in ihrem Verhältnis zu Höcke. 2017 unterstützte Weidel nicht nur ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn,
Der Journalist Frederick Schindler attestierte Weidel zeitweise eine „Doppelgesichtigkeit”
Im Juni 2023 stellte sich Weidel öffentlich hinter Höcke. In einem Interview mit dem Sender Welt-TV wies sie dessen Einstufung durch den Verfassungsschutz zurück: „Herr Höcke ist kein Rechtsextremist.”
Diese Entwicklung verweist auf eine veränderte innerparteiliche Machtlage. Weidel hat sich den Vertreter*innen der völkisch-nationalistischen Strömung angenähert, ohne dadurch ihren Rückhalt in der Partei zu gefährden.
Weidels Netzwerk
Abschnitt betitelt „Weidels Netzwerk“Als einer ihrer engsten Vertrauten gilt der Bundestagsabgeordnete Daniel Tapp, der seit 2017 als ihr Sprecher fungiert.
Laut ihrem Sprecher Tapp soll Weidel über eine breite und loyale Basis verfügen. Gegenüber dem Tagesspiegel sagte er:
Sie profitiert sehr davon, dass sie die Partei seit vielen Jahren gut kennt und hat viele direkte Handynummern von Vertretern auf Kreisverbandsebene und über Lager hinweg.
Tino Chrupalla
Abschnitt betitelt „Tino Chrupalla“Tino Chrupalla ist seit 2015 Mitglied der AfD. 2017 wurde er als Direktkandidat des Wahlkreises Görlitz in den Deutschen Bundestag gewählt. Im November 2019 wurde er Co-Bundessprecher und im September 2021 zum Co-Vorsitzenden der Bundestagsfraktion. Er ist gelernter Malermeister, lebt in Sachsen, ist verheiratet und hat drei Kinder.
Innerhalb der Partei gilt Chrupalla als „Kümmerer”
Politische Verortung
Abschnitt betitelt „Politische Verortung“Chrupalla gehörte zwar nicht dem „Flügel” an, genoss jedoch dessen Unterstützung und distanzierte sich auch nicht vom Netzwerk. In einem Interview mit dem Journalisten Theo Koll im ZDF am 2. Dezember 2019 sagte er auf den „Flügel” angesprochen:
Wenn man hier gewählt werden möchte, und das hat auch dieser Bundesparteitag gezeigt, muss man lagerübergreifend Positionen vertreten können. Das tue ich, ich wirke integrierend.
Im selben Interview wurde er darauf angesprochen, dass er in der Vergangenheit selbst den Begriff „Umvolkung” verwendet habe. Nachdem er dies zunächst verneint hatte, sagte er, dass er den Begriff „nicht für rechtsextrem”
Schwindender Rückhalt
Abschnitt betitelt „Schwindender Rückhalt“Seit seinem Amtsantritt als Bundessprecher 2019 kritisierten insbesondere westdeutsche Landesverbände ein aus ihrer Sicht wenig staatsmännisches Auftreten.
Chrupalla war 2019 mit der Unterstützung des „Flügels” an die Parteispitze gewählt worden.
Im Vorfeld des Bundesparteitags in Essen 2024 wurde öffentlich über das politische Ende Chrupallas an der Parteispitze spekuliert. Überraschenderweise erhielt er dennoch 82,7 Prozent der Stimmen und damit ein besseres Ergebnis als Weidel, die 79,8 Prozent erreichte.
Inzwischen ist Chrupallas Position auch in den Landesverbänden Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen geschwächt. Im März 2026 berichtete Der Spiegel, dass man in Niedersachsen verärgert sei, weil er die Einsetzung einer „Vertrauensgruppe”
Machtasymmetrie zwischen Weidel und Chrupalla
Abschnitt betitelt „Machtasymmetrie zwischen Weidel und Chrupalla“Zwischen Weidel und Chrupalla besteht eine deutliche Machtasymmetrie. Beobachter*innen bezeichnen Weidel als „mächtigste Person innerhalb der AfD”
Besonders gefährdet wäre Chrupallas Position durch die Einführung eines Generalsekretärs. Nach Informationen des ZDF wünscht sich das sogenannte Münzenmaier-Netzwerk (dazu unter C.II.2) Weidel als alleinige Parteivorsitzende. Sebastian Münzenmaier soll ihr in einer neu zu schaffenden Position des Generalsekretärs zur Seite stehen. Berichten von Augenzeugen zufolge reagierte Chrupalla äußerst nervös, als er von dem Vorhaben erfuhr. Er habe den Vorstoß als „direkten Angriff”
Für den Bundesparteitag im Juli 2026 in Erfurt ist dennoch eine erneute gemeinsame Kandidatur vereinbart worden. Gegenüber Welt sagte Chrupalla im Januar 2026:
Weidel und ich haben die Partei weiter professionalisiert und noch erfolgreicher gemacht. Diesen Kurs würde ich gerne gemeinsam fortsetzen und werde daher erneut kandidieren. Unsere Doppelspitze hat sich absolut bewährt, unsere Zusammenarbeit ist sehr vertrauensvoll.
Fazit: Die Bundes- und Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla
Abschnitt betitelt „Fazit: Die Bundes- und Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla“Die Analyse der Doppelspitze verdeutlicht den Wandel der AfD von einer durch Richtungsstreitigkeiten geprägten Führung hin zu einer konsolidierten Machtstruktur unter Dominanz des rechtsaußen Spektrums. Während das Modell der Doppelspitze ursprünglich unterschiedliche regionale und inhaltliche Strömungen abbilden und austarieren sollte, ist dies durch eine Befriedung des Strömungskampfes nicht mehr in vergleichbarer Weise nötig.
Beide kooperieren innerparteilich nicht entlang stabiler ideologischer Lager, sondern nach pragmatischen Machtlogiken. Weidel vertrat schon früh extrem rechte Positionen, orientierte sich taktisch jedoch stets an den jeweiligen innerparteilichen Machtverhältnissen — von den Anfängen im wirtschaftsliberalen Lager über die Ära Petry und Gauland bis hin zur Annäherung an das völkisch-nationalistische Lager. Ihr Kurswechsel gegenüber Höcke ist kein Beleg für inhaltliche Radikalisierung, sondern für konsequenten Opportunismus. Heute ist sie die zentrale Führungsperson der AfD, was sich unter anderem in ihrer Wahl zur alleinigen Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl 2025 zeigte.
Chrupalla gelangte mit Unterstützung des damaligen „Flügels” an die Parteispitze, ohne selbst Teil dieses Netzwerks zu sein. In den vergangenen Jahren verlor er jedoch Rückhalt in diesem Lager. Er suchte verstärkt Unterstützung in westdeutschen Landesverbänden, insbesondere in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, die zumindest nach außen gemäßigter auftreten. Diese Machtbasis erweist sich jedoch als fragil: In Nordrhein-Westfalen schwächt ein anhaltender Machtkampf das ihm nahestehende Lager. In Niedersachsen sorgte sein Umgang mit dem Parteispendenskandal gegen die Landesführung für Verärgerung.