Dominanz ostdeutscher Landesverbände
Einige der ostdeutschen Landesverbände nehmen derzeit eine herausragende Stellung in der Machtarchitektur der AfD ein. Sie stellen einen überproportionalen Anteil der Mitglieder im Bundesvorstand, wobei der Landesverband Brandenburg mit drei Personen besonders stark vertreten ist (siehe oben C.I.1). Auch das Netzwerk um Sebastian Münzenmaier ist mit vier Personen stark in Brandenburg verankert (siehe oben C.II.2), darunter Jean-Pascal Hohm, der die Parteijugend als deren Vorsitzender führt (dazu unter E.II.1). Schließlich verfügt Thüringen mit Björn Höcke über eine zentrale Figur der Partei, die strategisch mit Alice Weidel zusammenarbeitet.
Die ostdeutschen Landesverbände waren von Beginn an die programmatischen Impulsgeber der Partei
Die innerparteiliche Strömung des „Flügel” war vor allem in den ostdeutschen Landesverbänden der AfD verankert. Der „Flügel” wurde vom Thüringer Landesvorsitzenden Höcke und dem Vorsitzenden der AfD Sachsen-Anhalt André Poggenburg durch die Erfurter Resolution im März 2015 initiiert. Zu den führenden Akteuren zählten zudem Andreas Kalbitz aus Brandenburg und Hans-Thomas Tillschneider aus Sachsen-Anhalt.
Einige der ostdeutschen Landesverbände werden seit Beginn durch dieselben Politiker geführt. So steht Höcke dem thüringischen Landesverband seit 2013 ununterbrochen vor. Auch der mecklenburg-vorpommersche Landesverband wird, mit einer nur kurzen Unterbrechung, von Leif-Erik Holm seit 2013 geführt. In Sachsen-Anhalt leitete Poggenburg den Verband von 2014 bis 2018; ihm folgte Martin Reichardt, dem seit 2020 Hans-Thomas Tillschneider als Stellvertreter zur Seite steht — beide wurden dem „Flügel” zugerechnet. Den Brandenburger Landesverband prägte lange Alexander Gauland, ebenfalls Erstunterzeichner der Erfurter Resolution. Von 2017 bis 2020 führte Kalbitz diesen Verband; nachdem seine Mitgliedschaft annulliert wurde und nach einer kurzen Vakanz übernahm Birgit Bessin den Landesverband, die als Vertraute von Kalbitz gilt.
Die Wahlergebnisse der ostdeutschen Landesverbände sind bis heute deutlich besser als im Westen. Bei der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 wurde die AfD in allen ostdeutschen Flächenländern stärkste Kraft: in Thüringen mit 38,6 Prozent, in Sachsen mit 37,3 Prozent, in Sachsen-Anhalt mit 37,1 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern mit 35,0 Prozent und in Brandenburg mit 32,5 Prozent. Mit 21,6 Prozent erlangte sie im Saarland das beste Ergebnis in einem westdeutschen Bundesland.
Bereits die Landtagswahlen im Herbst 2024 ließen diese Entwicklung erkennen. Am 1. September 2024 wurde die AfD in Thüringen mit 32,8 Prozent
Wie selbstbewusst die ostdeutschen Verbände ihre Stellung wahrnehmen, wird in einem Interview mit René Springer im Podcast „Schnellroda diskutiert” im Oktober 2025 deutlich. Trotz ihrer Einstufung als gesichert rechtsextremistisch hätten die Politiker Hans-Christoph Berndt und Dennis Hohloch des Landesverbands Brandenburg „nicht nur eine hohe Legitimation innerhalb der Partei”, sondern auch „in der Gesellschaft”.
Wir als Brandenburger haben eine realistische Möglichkeit, unsere politischen Ideen mit Leben zu füllen. Angesichts unseres hier bestehenden Potentials kann gerade von Brandenburg aus ein starker Impuls an die Gesamtpartei ausgehen, indem wir mit mutigeren und konsequenteren Positionen neue Wege und Perspektiven aufzeigen. Stehen wir in Brandenburg zusammen und gelingt uns 2024 ein überzeugender Wahlsieg, können wir die Politik erst in Brandenburg und von hier aus in ganz Deutschland verändern. Nicht weniger darf und wird unser Anspruch sein.
Dass die ostdeutschen Landesverbände dabei auch strategisch koordiniert agieren, zeigt sich an wiederholten gemeinsamen Treffen der Fraktionsvorsitzenden. Sie verabschiedeten beispielsweise im Juni 2025 gemeinsam die Resolution „Der Osten geht voran — Regierungsverantwortung 2026”:
Die Resolution legt den gemeinsamen Anspruch der Spitzen der AfD-Fraktionen im Osten fest, nach den Landtagswahlen 2026 in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern Regierungsverantwortung zu übernehmen und dabei durchdacht und abgestimmt vorzugehen. Das Strategiepapier versteht die ersten AfD-Landesregierungen als Auftakt für eine politische Wende im gesamten Bundesgebiet und betrachtet die ersten AfD-Landesregierungen dabei nicht als Einzelprojekte, sondern als Teil einer gemeinsamen Zukunftsstrategie.
Obwohl die Ost-West-Dichotomie für das Verständnis der elektoralen Stärke der AfD weiterhin relevant ist, betont der Politikwissenschaftler Manés Weisskircher, dass man die signifikanten Unterschiede innerhalb Ostdeutschlands sowie die quer dazu verlaufenden Konfliktlinien nicht vernachlässigen darf.
Die ostdeutschen Landesverbände haben die inhaltliche Entwicklung der AfD maßgeblich geprägt — durch frühe parlamentarische Verankerung, personelle Kontinuität und elektorale Stärke. Dass diese Entwicklung nicht ohne die mitgliederstärkeren westdeutschen Verbände möglich gewesen wäre, zeigt jedoch, dass die Radikalisierung der Partei kein rein ostdeutsches Phänomen ist.