Fazit: Dynamik der Strömungskämpfe
Der innerparteiliche Strömungskampf der AfD folgt einer konsistenten Dynamik. Aus den jeweiligen Konflikten ging jeweils das radikalere Lager gestärkt hervor. In der Gründungsphase standen sich vor allem wirtschaftsliberale und nationalkonservative Kräfte gegenüber. Nach dem Austritt von Bernd Lucke verschob sich die Konfliktlinie im Jahr 2015. Das wirtschaftsliberale Lager verlor an Einfluss, während das nationalkonservative Lager zunehmend unter Druck des erstarkenden völkisch-nationalistischen Lagers geriet. Dies führte langfristig zur Marginalisierung gemäßigterer Kräfte.
Drei zentrale Zäsuren markieren diese Entwicklung. Der Essener Parteitag 2015 besiegelte die Niederlage des wirtschaftsliberalen Flügels um Lucke und leitete eine migrationspolitische Neuausrichtung ein. Es folgten Spaltungen und Austritte (siehe oben B.II). 2017 scheiterte Frauke Petry, die selbst radikale Positionen vertrat und die Rechtsverschiebung der Partei vorangetrieben hatte, mit dem Versuch, die Partei auf einen realpolitischen Kurs und eine stärkere Koalitionsfähigkeit auszurichten; auch sie verließ die AfD (siehe oben B.III). Die Auflösung des „Flügels” im Jahr 2020 schwächte die radikalen Kräfte nicht (siehe oben B.IV). Mit dem Austritt von Jörg Meuthen im Jahr 2022 verschwand schließlich die letzte offen sichtbare innerparteiliche Gruppierung, die sich aktiv gegen völkisch-nationalistische Positionen stellte (siehe oben B.V). Allerdings hatte auch Meuthen zuvor über längere Zeit mit den radikalen Kräften innerhalb der Partei kooperiert.
Die Konflikte waren nicht ausschließlich ideologisch motiviert, sondern stets auch von persönlichen Machtkämpfen und strategischen Differenzen geprägt. Darauf verweist etwa die zeitweise Zusammenarbeit zwischen Akteur*innen unterschiedlicher Lager wie Meuthen, Alexander Gauland und Björn Höcke.
Seit 2022 sind offene Strömungskämpfe weitgehend verschwunden. Mit der zunehmenden inhaltlichen Homogenität werden grundlegende Konflikte kaum noch öffentlich ausgetragen. Sie betreffen heute vor allem Fragen der Listenaufstellung und Postenvergabe. Diese werden häufig im Vorfeld von Parteitagen informell geregelt. Auch die Einstufung der Jungen Alternative durch das Bundesamt für Verfassungsschutz als erwiesen rechtsextremistisch führte nicht zu einer inhaltlichen Distanzierung, sondern lediglich zu einer strukturellen Neuaufstellung unter dem Namen Generation Deutschland (dazu unter E.).
Einer der wenigen verbliebenen strategisch motivierten Machtkämpfe findet derzeit im Landesverband Nordrhein-Westfalen statt. Dort stehen sich das Lager um den Landesvorsitzenden Martin Vincentz und das Lager um den Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich gegenüber (siehe oben B.VI).
Die Entwicklung der AfD lässt sich damit als kontinuierlicher Radikalisierungsprozess beschreiben. Das Ergebnis ist eine Partei, in der grundlegende inhaltliche Alternativen zum radikalen Kurs kaum noch eine bedeutende Rolle spielen.