Der Parteitag in Riesa im Juni 2022 dokumentierte das endgültige Scheitern des Meuthen-Lagers. Bei den Vorstandswahlen wurden Tino Chrupalla und Alice Weidel als Bundessprecher und Bundessprecherin gewählt. Chrupalla setzte sich gegen den Bundestagsabgeordneten Norbert Kleinwächter durch, erzielte mit 53 Prozent jedoch ein vergleichsweise schwaches Ergebnis. Weidel gewann mit 67 Prozent deutlicher gegen Nicolaus Fest. Beatrix von Storch, Alexander Wolf und Joachim Paul, die Meuthen beim Verfahren gegen Andreas Kalbitz unterstützt hatten, traten in Riesa nicht mehr zur Wahl an. Gleichzeitig wurden Christina Baum und Maximilian Krah, damals Vertraute Höckes, sowie der damalige Vorsitzende der Jungen Alternative Carlo Clemens und der ehemalige Landesvorsitzende der JA Brandenburg Dennis Hohloch in den Bundesvorstand gewählt. Damit gehörten sechs der vierzehn Vorstandsmitglieder ostdeutschen Landesverbänden an, in denen die völkisch-nationalistische Strömung besonders stark verankert ist (dazu unter C.III). Mit dieser Wahl verfügten die ehemaligen Anhänger des aufgelösten „Flügels” erstmals über eine Mehrheit im Bundesvorstand.
Entscheidend für die Neuausrichtung des Vorstands war das strategische Bündnis #TeamZukunft, das bereits vor dem Parteitag verschiedene Strömungen der Partei zusammenführte. Die Konsensliste wurde von Chrupalla initiiert und umfasste sowohl Anhänger*innen des formell aufgelösten „Flügels” als auch „Bürgerliche, die sich vom Abgrenzungskurs distanzierten und sich für taktische Kooperationen mit dem ‚Flügel’ geöffnet hatten”. Personen aus dem Meuthen-Lager waren auf der Liste nicht vertreten. Nach Angaben der neurechten Zeitschrift Junge Freiheit umfasste die Liste folgende Kandidat*innen: Alice Weidel, Peter Boehringer, Stephan Brandner, Carlo Clemens, Marc Jongen, Martin Reichardt, Roman Reusch, Kay Gottschalk, Ingo Hahn, Gerrit Huy, Jörn König und Sebastian Maack. In den Bundesvorstand gewählt wurden die ersten sieben der gelisteten Kandidat*innen. Damit entfielen einschließlich Chrupalla acht der vierzehn Vorstandsposten auf dieses Bündnis.
Der Parteitag in Riesa 2022 verlief chaotisch. Eine Debatte über die Europapolitik führte zum vorzeitigen Abbruch. Im Zentrum des Konflikts stand eine von Höcke und Gauland eingebrachte Europa-Resolution, die die Auflösung der EU forderte und den russischen Angriffskrieg als „Ukraine-Konflikt” bezeichnete. Der Konflikt spaltete die Delegierten entlang der Ost-West-Linie.
Einen Erfolg erzielte der bewegungsorientierte Teil der Partei. Rund 60 Prozent der Delegierten stimmten dafür, das Zentrum (ehemals Zentrum Automobil) von der Unvereinbarkeitsliste zu streichen, wofür sich Höcke explizit ausgesprochen hatte. Das Zentrum ist eine Pseudogewerkschaft, deren Vorstand laut einer Recherche des Freitag nahezu vollständig aus Personen besteht, die sich in der Vergangenheit rechtsextremistisch oder neonazistisch betätigt haben sollen. Das Zentrum wird rechtlich nicht als tariffähig eingestuft, da es zu wenige Mitglieder hat, um Tarifverträge abzuschließen oder zum Streik aufzurufen.
Auf dem Bundesparteitag und der Europawahlversammlung in Magdeburg Ende Juli und Anfang August 2023 sowie auf dem Parteitag in Essen im Juni 2024 bemühte sich die AfD, offene Auseinandersetzungen zu vermeiden. Die Partei präsentierte sich deutlich geschlossener und disziplinierter als in den Jahren zuvor. Parteichef Chrupalla sagte, dass die Phase interner Machtkämpfe beendet sei; die Partei werde nun durch „Disziplin, Einigkeit und Harmonie” geprägt.
Für Höcke persönlich bedeutete diese Entwicklung eine Veränderung seiner Rolle. Während seine politische Ausrichtung in der Partei zunehmend hegemonial wurde, trat er in innerparteilichen Auseinandersetzungen weniger aktiv in Erscheinung. Der Journalist und AfD-Experte Frederik Schindler beschreibt dies so, dass Höcke „weniger Energie für interne Machtkämpfe einsetzen [kann], weil er solche Kämpfe gar nicht mehr braucht”.
Um offene Konflikte zu vermeiden, handelte die Partei zentrale Entscheidungen bereits im Vorfeld des Parteitags aus und stimmte Kandidatenlisten ab, wobei ein Netzwerk um den Bundestagsabgeordneten Sebastian Münzenmaier (dazu unter C.II.2) diesen Prozess maßgeblich vorantrieb. Die von Münzenmaier vorab koordinierte Kandidat*innenliste wies eine ideologische Radikalität auf, die der des aufgelösten „Flügels” entsprach. Zudem umfasste die Liste zum Teil auch Personen aus Höckes Umfeld. Exemplarisch für die Verflechtung beider Lager in der Partei steht René Aust. Er kandidierte für die Europawahl auf Listenplatz 3 und war von Höcke vorgeschlagen worden. Als Vorstandsmitglied des thüringischen Landesverbands steht er diesem nahe, ist jedoch auch Teil des Münzenmaier-Netzwerks.
Höcke musste in Magdeburg jedoch mehrere Niederlagen einstecken. Manche seiner bevorzugten Kandidat*innen schafften es nicht auf die vordersten Listenplätze für die Europawahl. Außerdem scheiterte er mit seiner außenpolitischen Forderung nach einem NATO-Austritt Deutschlands an Weidels Widerstand. Gleichwohl bleibt er eine prägende Figur der Partei (dazu unter C.II.3).
Die Doppelspitze Weidel und Chrupalla wurde auf dem Bundesparteitag in Essen 2024 ohne Gegenkandidaturen und mit deutlich besseren Ergebnissen als 2022 bestätigt: Chrupalla erhielt 82,7 Prozent, Weidel 79,8 Prozent (statt 53 Prozent beziehungsweise 67 Prozent zwei Jahre zuvor, als es noch Gegenkandidat*innen gab). Der gegenwärtige Bundesvorstand ist stark von radikalen Kräften geprägt. Dazu gehören auch Personen, die sich erst im Verlauf ihrer Parteikarrieren entsprechend radikalisiert haben (dazu unter C.I.1). Auch in Essen vermied die Partei offene Konflikte, indem sie kontroverse Anträge, etwa zur Einführung eines Generalsekretärs, zur weiteren Beratung in Ausschüsse verwies (dazu unter C.II.2.c)aa)).
Auf dem Parteitag in Riesa am 11. und 12. Januar 2025 unmittelbar vor der letzten Bundestagswahl wurde Weidel vom Bundesvorstand und den Landesvorsitzenden einstimmig als erste Kanzlerkandidatin der Partei nominiert. In ihrer Rede bekannte sie sich zum Begriff „Remigration” und würdigte Höcke als „echte[n] Wahlsieger” — eine symbolische Geste der Annäherung. Der Parteitag dokumentierte zugleich die Normalisierung neurechter Netzwerke und die Intensivierung internationaler Verbindungen. Der extrem rechte Verleger Götz Kubitschek war vor Ort; bei Elon Musk bedankte sich Weidel, dass er die Veranstaltung live über seine Plattform X übertragen ließ. Der Parteitag verabschiedete daraufhin einen Antrag, der bessere Beziehungen zur Trump-Regierung als Parteiziel festschreibt. Der Antragsteller Marc Jongen erklärte, dies geschehe „auch als Dankeschön an Elon Musk”. Musk hatte bereits am 20. Dezember 2024 auf X geschrieben: **„**Nur die AfD kann Deutschland retten”. Zwei Tage vor dem Parteitag, am 9. Januar 2025, führte er ein 75-minütiges Gespräch mit Weidel auf X. Beim offiziellen Wahlkampfauftakt der AfD am 25. Januar 2025 in Halle wurde Musk live per Video aus den USA zugeschaltet. Er forderte: „Kämpft für eine großartige Zukunft für Deutschland”, und sagte, man habe „zu viel Fokus auf vergangene[…] Schuld” gesetzt. Der Kontakt verdeutlicht die Strategie der AfD, ihre internationalen Netzwerke auszubauen und die Verbindungen zur extremen Rechten in den USA zu intensivieren (dazu unter F.III.2).
Auf dem Parteitag im Januar 2025 in Riesa beschloss die AfD außerdem mit Zweidrittelmehrheit eine strukturelle Neuaufstellung ihrer Jugendorganisation Junge Alternative (JA), die zuvor vom Bundesamt für Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft worden war. Am 29. und 30. November 2025 wurde in Gießen die Nachfolgerorganisation Generation Deutschland (GD) gegründet, deren Vorsitz Jean-Pascal Hohm übernahm. Das Führungspersonal zeigt deutliche Bezüge zu völkisch-nationalistischen Konzepten sowie Verbindungen zur außerparlamentarischen extremen Rechten (siehe E.II). Der zentrale Unterschied zur JA liegt im Auftreten. Die GD agiert deutlich professioneller und folgt damit einer Strategie, die die Mutterpartei in den vergangenen Jahren etabliert hat.