Ideologie: Politische Gegner*innen als ‚Feinde des Volkes'
In der AfD ist eine Ideologie verbreitet, wonach politische Gegner*innen nicht als gleichberechtigte und respektierte Gegner*innen im demokratischen Wettbewerb, sondern als ‚Feinde des Volkes’ angesehen werden. Sowohl Politiker*innen anderer Parteien als auch Nichtregierungsorganisationen sowie politisch (eher) linksstehenden Journalist*innen und Aktivist*innen wird ein Verhalten unterstellt, das dem Interesse des ‚Volkes’ zuwiderlaufe. Sich selbst stellen AfD-Funktionär*innen dabei als alleinige Vertreter*innen des ‚echten’ Volkswillens dar.
Diese im Folgenden dargestellte Ideologie ist nicht für sich genommen demokratiefeindlich. Auch übertriebene, polemische oder faktenwidrige Kritik an politischen Gegner*innen ist als Machtkritik im demokratischen Diskurs erlaubt und kann für sich genommen nicht als Anhaltspunkt für demokratiefeindliche Ziele gewertet werden.
Wie auch bei der Prüfung von im Widerspruch zur Menschenwürde stehenden Zielen der AfD oben unter A. wird der Begriff der Ideologie hier in einem weiten, allgemeinen Verständnis als weltanschaulicher Orientierungsrahmen, aus dem heraus eine Partei ihre Politik entwickelt und begründet, verwendet (siehe oben A.I.2). Im Rahmen dieses Kapitels kommt rein ideologischen Äußerungen allerdings keine Indizwirkung für die Auslegung durch die Partei geforderter rechtlicher Maßnahmen zu, sondern sie werden lediglich dargestellt, um den Kontext darzustellen, in dem entsprechende Forderungen erhoben werden.
Eine Indizwirkung ist insbesondere dort anzunehmen, wo Äußerungen in Richtung einer Menschenwürdeverletzung weisen. In diesem Fall können rein ideologische Äußerungen, aus denen sich noch kein definiertes Ziel entnehmen lässt, zur Auslegung anderer zielgerichteter Äußerungen herangezogen werden (siehe oben Teil 2 B.III.1). So indizieren etwa rein ideologische Äußerungen zum ethno-kulturellen Volksbegriff, dass Maßnahmen, die an Kriterien wie die Mehrfachstaatsangehörigkeit anknüpfen, einem rassistischen Motiv folgen (siehe oben A.II.2.c)).
Eine entsprechende Schlussfolgerung kann aus den im Folgenden dargestellten Äußerungen nicht gezogen werden. Gerade weil die Äußerungen für sich genommen nicht zwingend Ausdruck einer demokratiefeindlichen Einstellung sind, können sie nicht die Demokratiefeindlichkeit konkret geforderter Maßnahmen indizieren. Die Demokratiefeindlichkeit der später in diesem Kapitel behandelten geforderten Maßnahmen kann sich folglich allein aus den entsprechenden Forderungen selbst ergeben.
Die Darstellung politischer Gegner*innen als ‚Feinde des Volkes’ bildet jedoch das normative Fundament der geforderten Maßnahmen und wird im Folgenden dargestellt, um deren Kontext zu veranschaulichen: Das erschaffene Feindbild rechtfertigt es, politische Gegner*innen aus dem Prozess der politischen Willensbildung auszuschließen. Politiker**innen anderer Parteien werden als nicht demokratisch legitimiert und als Zerstörer*innen der Bundesrepublik dargestellt; Medien als Propagandainstrument der Regierung; Vereinigungen und Aktivist*innen als Teile einer Terrororganisation (dazu unter B.II.4) oder als staatlich gesteuerte Akteur*innen, die sich nicht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit berufen könnten. Insgesamt entsteht der Eindruck, Deutschland werde von politischen Gegner**innen gezielt in eine Diktatur umgewandelt, wenn diesen nicht möglichst bald die Macht entrissen werde.
Zusammenfassung: Wesentliche Einstellungen der AfD gegenüber ihren politischen Gegner*innen
Abschnitt betitelt „Zusammenfassung: Wesentliche Einstellungen der AfD gegenüber ihren politischen Gegner*innen“Funktionär*innen der AfD vertreten und verbreiten ein Weltbild, wonach die Politiker*innen der anderen Parteien nicht deutsche, sondern fremde Interessen vertreten und die deutsche Bevölkerung verachten (dazu unter B.II.2.b)). Zugunsten dieser fremden Interessen würde die Regierung Probleme orchestrieren, um mit den dafür schon „von langer Hand erdachten ‚Lösungen’”
Die im Folgenden paraphrasierten oder verkürzt wiedergegebenen Zitate werden im Anhang unter C.I.1 jeweils unter aa) in voller Länge wiedergegeben, dort finden sich jeweils unter bb) auch weitere ähnliche Äußerungen.
Die Äußerungen, hinsichtlich deren auf das Kapitel A.V verwiesen wird, sind im Anhang unter B.IV vollständig dargestellt.
Angebliche Vertretung fremder Interessen durch politische Gegner*innen
Abschnitt betitelt „Angebliche Vertretung fremder Interessen durch politische Gegner*innen“Funktionär*innen der AfD vertreten eine Weltanschauung, nach der die Politiker*innen anderer Parteien nicht angetreten sind, um deutsche, sondern um fremde Interessen zu vertreten.
Die Politiker*innen anderer Parteien werden dabei als von anderen Mächten gesteuert oder bezahlt angesehen und dargestellt. So bezeichnete der Bundessprecher der Partei Tino Chrupalla im April 2023 Politiker*innen anderer Parteien als „Vasallen Amerikas”
Entsprechende Behauptungen werden insbesondere im Zusammenhang mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine erhoben. Die deutsche Unterstützung für die Ukraine und Sanktionen gegen Russland werden als Anzeichen oder Beweis dafür dargestellt, dass insbesondere die Bundesregierung keine deutschen, sondern amerikanische Interessen vertrete. So erklärte Björn Höcke im April 2022, die damalige Bundesregierung habe die Ukraine nur unterstützt, „weil sie die Statthalter des US-Establishments im Vasallenstaat BRD” seien.
Politiker*innen anderer Parteien wird hierbei nicht nur vorgeworfen, nicht im Interesse der deutschen Bevölkerung zu handeln, sondern sogar, diese zu hassen und aktiv gegen sie zu arbeiten. So erklärte Martin Reichardt im April 2023, Ziel der „Regierung der linken und grünen Deutschland-Hasser” sei „die Zerstörung unseres Landes, die Zerstörung unserer Gesellschaft, die Zerstörung unserer Kultur, die Vernichtung unseres Eigentums und die Zerstörung unseres Wohlstands”.
Als diejenigen, deren Interessen die Politiker*innen anderer Parteien angeblich vertreten, wird dabei teilweise eine ‚globale Elite’ genannt, die eine Weltregierung errichten und eine ‚große Transformation’ einleiten will.
So sind laut einer Aussage von Hans-Christoph Berndt im Januar 2024 die „Ampelmänner in Berlin nichts weiter als die Hampelmänner der EU und des Weltwirtschaftsforums”, das sich „als Zentralkomitee der Transformationspropaganda und der Transformationsagenda” aufspiele.
Die Erzählung von einer geheimen globalen Elite, die nationale Regierungen steuert, schließt an das antisemitische Motiv der jüdischen Weltverschwörung an. Das Gutachten behandelt diese Ebene unter A.VI.
Aus der Erzählung von der weltweiten Verschwörung und der Verwicklung der Politiker*innen anderer Parteien in diese wird direkt der Schluss gezogen, die entsprechenden Politiker*innen dürften ihr Amt eigentlich nicht ausüben. So erklärte René Springer im März 2023, wer „eine globalistische Elite” sei, müsse „als Agent einer fremden Macht betrachtet werden” und dürfe „niemals institutionelle Macht in unserem Staat übernehmen”.
Unterstellung der ‚Orchestrierung’ von Problemen
Abschnitt betitelt „Unterstellung der ‚Orchestrierung’ von Problemen“Der Regierung wird weiter unterstellt, sie orchestriere Probleme, um dann die Bevölkerung mittels der „Lösung” dieser Probleme unterdrücken zu können.
So erklärte Nicole Höchst, Abgeordnete im Bundestag und stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes Rheinland-Pfalz, im Dezember 2023:
Wenn die Gesellschaft erst verstanden hat, dass die derzeitigen Nöte und Probleme geschaffen wurden, damit die von langer Hand erdachten „Lösungen” eingesetzt werden können, dann wird sie anfangen, die abgrundtiefe Bösartigkeit derer zu begreifen, die das Ganze orchestrieren und davon profitieren.
Orchestriert wird nach dem thüringischen Landesvorsitzenden Björn Höcke und der damaligen bayerischen Landtagsabgeordneten Anne Cyron etwa die „Massenmigration”
Unterstellung von Diktaturplänen
Abschnitt betitelt „Unterstellung von Diktaturplänen“Weiter verbreiten Funktionär*innen der AfD, ihre politischen Gegner*innen und insbesondere ehemalige sowie die derzeitige Bundesregierung verfolgten den Plan, eine Diktatur zu errichten oder hätten dies bereits getan.
So erklärte Stephan Brandner, stellvertretender Bundessprecher und parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestagsfraktion, im September 2024, die „#Altparteien” würden „Demokratie, Gewaltenteilung, Parlamentarismus” vernichten.
Um das Bild eines ins Totalitäre abdriftenden Staates zu veranschaulichen und zu dramatisieren, ziehen Funktionär*innen der AfD regelmäßig Vergleiche mit dem Dritten Reich sowie der DDR. Der bayerische Landesvorsitzende und Bundestagsabgeordnete Stephan Protschka sprach im Dezember 2021 — damals war Protschka auch Mitglied des Bundesvorstands — von einer drohenden „DDR 2.0”
Weiter bekämpften die Regierenden in Deutschland mit allen Mitteln die Opposition. Laut einer Äußerung von Daniel Freiherr von Lützow, stellvertretender Landesvorsitzender der AfD Brandenburg, von März 2021 sei „den [R]egierenden jedes Mittel recht um die Opposition zu bekämpfen”, er sei „gespannt, wann die ersten Verhaftungen kommen”.
Manche Funktionär*innen der AfD behaupten, die anderen Parteien würden Wahlen manipulieren, und sprechen diesen damit die demokratische Legitimation ab. Dies deutete der Bundestagsabgeordnete Lars Schieske im Dezember 2024 mit der Aussage an, die „Kartellparteien” würden tolerieren, dass „die Briefwahl immer wieder Fragen zur Integrität und Vertraulichkeit” aufwerfe, „wohlwissend”, dass diese „häufig als Mittel genutzt” werde, „um politische Mehrheiten zu sichern”.
Die Erzählung von der AfD als allein gegen ein undemokratisches „Machtkartell”
Darstellung der Corona-Politik und -Maßnahmen als „Verbrechen”
Abschnitt betitelt „Darstellung der Corona-Politik und -Maßnahmen als „Verbrechen”“Politischen Gegner*innen wird weiter unterstellt, die Covid-19-Pandemie zur böswilligen Unterdrückung und Schädigung der Bevölkerung genutzt zu haben.
Dabei ist zu unterscheiden zwischen entsprechenden Unterstellungen, die eine klare Darstellung politischer Gegner*innen als feindlich gesinnt gegenüber der eigenen Bevölkerung beinhalten, und anderweitiger Kritik an der Politik während der Pandemie, die zwar oft überspitzt formuliert wurde, aber als polemische Kritik an Maßnahmen betrachtet werden muss, die ihrerseits als unangemessen angesehen werden durften.
In diesem letzteren Sinne erklärte etwa Björn Höcke im Dezember 2021, Deutschland sei „in einem Übergangsstadium Richtung einem sanften Totalitarismus”
Hierüber hinaus gehen jedoch Aussagen, nach denen Maßnahmen nicht lediglich übertrieben und ungerechtfertigt seien, sondern Politiker*innen ein bösartiges, geplantes Vorgehen gegen die Interessen der Bevölkerung unterstellt wird.
So erklärte etwa Björn Höcke im März 2022, der damalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach mache „Werbung für die Pflichtimpfung” nicht aus gesundheitspolitischen Gründen, sondern „weil er weiß, dass er damit die Zahl darüber bekommt, wie viele Oppositionelle im Land es gibt”; die Impfung schütze „nicht vor Erkrankungen”.
Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie wurden dabei nicht lediglich kritisch als übertrieben oder unnötig dargestellt, sondern als gezielte Gesundheitsschädigung der Bevölkerung. So erklärte etwa die bayerische Fraktionsvorsitzende Katrin Ebner-Steiner im Oktober 2020, „Kontaktverbote, Maskenpflicht, Sperrstunden, Alkoholverbote und […] Lockdown” seien die „Folterinstrumente” der Regierung
Delegitimierung gesellschaftlicher Bewegungen
Abschnitt betitelt „Delegitimierung gesellschaftlicher Bewegungen“Große Teile der Bevölkerung demonstrierten in der Vergangenheit gegen die AfD und den wahrgenommenen ‚Rechtsruck’ in der Politik. Dies ist schwer vereinbar mit der Erzählung von der AfD als ‚einzig wahre Vertreterin des Volkes’, die sich als einzige Partei gegen die Pläne aller anderen Politiker*innen, Deutschland in eine Diktatur zu verwandeln, stelle. Folglich verbreiten Funktionär*innen der AfD, dass gesellschaftliche Bewegungen, die sich nicht mit den Ansichten der AfD decken oder sich sogar gegen diese richten, von der Regierung inszeniert seien.
Damit wird insbesondere Demonstrant*innen abgesprochen, von ihrem Grundrecht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit Gebrauch zu machen. Stattdessen werden sie als bloßes Werkzeug einer diktatorischen Macht dargestellt. So bezeichnete etwa Hans-Christoph Berndt Ende Januar 2024 die Demonstrationen ‚gegen Rechts’, an denen allein am Wochenende des 20./21. Januar 2024 etwa 1,4 Millionen Menschen teilnahmen,
Daneben werden Aktivist*innen und Organisationen, die die AfD der Antifa-Szene zuordnet, als Teile einer großen „terroristische[n] Vereinigung”
Links sein, das ist schon lange keine politische Ausrichtung mehr. Links sein, bedeutet Teil einer Terrororganisation zu sein. Sie hassen Autorität und sie sind bereit zu töten.
Gesellschaftliche Bewegungen, die sich für die Rechte von LGBTIQ-Personen einsetzen, werden als gefährlich für Kinder dargestellt, ihre Repression in anderen Staaten wie Ungarn und Russland gelobt und für notwendig gehalten. So wird insbesondere die Forderung nach einem Verbot des CSD begründet. Es wird behauptet, Kinder würden mit „Regenbogen-Propaganda indoktriniert”.
Erzählung des Krieges gegen die eigene Bevölkerung
Abschnitt betitelt „Erzählung des Krieges gegen die eigene Bevölkerung“Diese Narrative gipfeln in der Erzählung, die Bundesregierung und Politiker*innen der ‚Altparteien’ führten — unterstützt von Medien und Zivilgesellschaft — einen ‚Krieg’ gegen die deutsche Bevölkerung.
So erklärte Tino Chrupalla im August 2022, die damaligen Mitglieder der Bundesregierung Robert Habeck und Annalena Baerbock führten „für die USA einen Wirtschaftskrieg gegen die eigene Bevölkerung”.
Mittel dieses ‚Krieges’ ist nach einer Aussage von Björn Höcke aus dem Oktober 2022 etwa „die Zerstörung der Nation durch Masseneinwanderung”.
Die AfD selbst wird dabei als einzige Kraft in Deutschland dargestellt, die sich auf die Seite des ‚Volkes’ und gegen die ‚finsteren Pläne’ der Politiker*innen anderer Parteien stellt. So erklärte Hans-Thomas Tillschneider im August 2022, was „1944 ein Stauffenberg” gewesen sei, sei „2022 die AfD”, als die einzigen, die den anderen Parteien als „Helfershelfer der Deutschlandplünderer […] einen Strich durch ihre Rechnung machen wollen”.
Funktionär*innen der AfD erzeugen damit ein Bild, das ein hartes Vorgehen gegen politische Gegner*innen nicht nur legitimiert, sondern erforderlich erscheinen lässt.