Das Höcke-Lager
Björn Höcke ist seit 2013 Sprecher des Landesverbands Thüringen und seit 2014 Vorsitzender der Fraktion im Thüringer Landtag. Er ist Lehrer, stammt aus Nordrhein-Westfalen, ist verheiratet und hat vier Kinder.
Sein Denken ist völkisch geprägt. In seinem 2018 erschienenen Buch „Nie zweimal in denselben Fluss” bestimmt er das Volk als eine „dynamische Einheit aus Abstammung, Sprache, Kultur und gemeinsam erlebter Geschichte” sowie als eine Gemeinschaft, „deren Angehörige in einer schicksalshaften, generationsübergreifenden Verbindung stehen”
Besonders deutlich artikuliert Höcke sein rassistisches Denken in einem Vortrag, den er 2015 am Institut für Staatspolitik (IfS) (dazu unter G.I.2) in Schnellroda hielt. Dort konstruierte er einen angeblich evolutionär begründeten Gegensatz zwischen Afrikaner*innen und Europäer*innen und übertrug biologische Kategorien auf gesellschaftliche Entwicklungen:
In Afrika herrscht nämlich die sogenannte r-Strategie vor, die auf eine möglichst hohe Wachstumsrate abzielt. Dort dominiert der sogenannte Ausbreitungstyp. Und in Europa verfolgt man überwiegend die K-Strategie, die die Kapazität des Lebensraums optimal ausnutzen möchte. Hier lebt der Platzhalter-Typ. Die Evolution hat Afrika und Europa vereinfacht gesagt zwei unterschiedliche Reproduktionsstrategien beschert […]. Im 21. Jahrhundert trifft der lebensbejahende afrikanische Ausbreitungstyp auf den selbstverneinenden europäischen Platzhaltertyp.
Aus dieser Konstruktion leitet Höcke unmittelbar politische Konsequenzen ab: „Solange wir bereit sind, diesen Bevölkerungsüberschuss Afrikas aufzunehmen, wird sich am Reproduktionsverhalten der Afrikaner nichts ändern.”
Nicht Kulturen, nicht Völker und nicht Nationen sind und waren die Ursachen für Kriege, für Vertreibung, ja für Völkermorde. Nein, das waren sie nicht, sondern die wenigen Dunkelmänner im Hintergrund, die von Gier und Macht, Willen und Machtstreben zerfressen sind. Und denen gilt es, das Handwerk zu legen.
Die Zuschreibung von negativen Entwicklungen an eine im Verborgenen agierende, mächtige und gierige Elite entspricht strukturell antisemitischen Verschwörungsnarrativen.
Höckes geschichtsrevisionistische Positionen fügen sich konsequent in eine Weltsicht ein, der die Erinnerung an den Holocaust im Wege steht. In seiner Dresdner Rede vom 17. Januar 2017 vor der Jungen Alternative kritisierte Höcke eine „dämliche Bewältigungspolitik” und forderte eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad”
Verbindungen in die außerparlamentarische extreme Rechte
Abschnitt betitelt „Verbindungen in die außerparlamentarische extreme Rechte“Besonders bedeutsam ist Höckes Zusammenarbeit mit Götz Kubitschek und dessen IfS (dazu unter G.I.2). In einem 2014 geführten Doppelinterview
Aufschluss über Höckes politische Zielvorstellungen ergibt sich aus seiner Rezeption strategischer Schriften von extrem rechten Autoren. So lobte er Martin Sellners Buch „Regime Change von rechts” als wegweisendes Werk für die „Volksopposition”
in die Hand jedes patriotischen Dissidenten, gleich ob er als Blogger, als Künstler, als Schriftsteller, als Aktivist oder Parlamentarier seinen Beitrag zum Erhalt unseres Landes leistet.
Höcke hebt Sellners strategisches Konzept hervor, wonach der Erhalt der „ethnokulturellen Identität bzw. ihre Wiederherstellung mit Hilfe der Reconquista-Strategie”
Auch Benedikt Kaisers 2020 erschienenes Buch „Solidarischer Patriotismus” empfahl Höcke als „eines der wichtigsten Bücher des Jahres”
Außerdem ist Höcke mit Thorsten Heise, dem stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Partei Die Heimat (ehemals NPD) und langjährigen Neonazi-Kader, bekannt. Höcke bestätigte die Bekanntschaft und sagte, Heise zu kennen, da dessen Kinder in dieselbe Schule wie seine eigenen gingen. Ein Zeit-Artikel legt jedoch eine deutlich engere Verbindung nahe. Zwei Einwohner von Höckes Wohnort Bornhagen versicherten eidesstattlich, Heise habe Höcke bereits im Sommer 2008 beim Umzug geholfen und sei dort über einen längeren Zeitraum regelmäßig zu Gast gewesen.
Diese Verbindung beschränkt sich jedoch möglicherweise nicht nur aufs Private. Der Soziologe Andreas Kemper untersuchte die Frage, ob Höcke unter dem Pseudonym „Landolf Ladig” Texte in Publikationen von Heise veröffentlichte. Kemper fand mehrere Indizien, die auf eine mögliche Identität beider Autoren hinweisen, ohne dass dies abschließend nachgewiesen werden kann. Dazu zählen die Verwendung ungewöhnlicher Begriffe wie „organische Marktwirtschaft” oder „Entelechie”
Der Flügel als Machtbasis Höckes
Abschnitt betitelt „Der Flügel als Machtbasis Höckes“Höcke initiierte 2015 mit André Poggenburg den „Flügel”, eine völkisch-nationalistische Strömung innerhalb der AfD, deren „prominenteste[s] Aushängeschild”
Regionale Machtbasis
Abschnitt betitelt „Regionale Machtbasis“Höcke verfügt über eine stabile Machtbasis im Landesverband Thüringen, den er seit 2013 führt. Gemeinsam mit Stefan Möller bildet er seit 2014 eine für die AfD ungewöhnlich konstante Doppelspitze.
Höcke konsolidierte und verteidigte seinen Einfluss im Landesverband Thüringen durch selektive Mitgliederaufnahme und Sanktionen gegen interne Kritiker*innen. Der frühere Kreisvorsitzende Helmut Witter warf Höcke vor, den Landesverband „systematisch umgebaut” zu haben. Dies geschehe vor allem durch eine gezielte Auswahl des Personals. Höcke nehme laut Witter nur solche Mitglieder auf, bei denen er sich sicher sei, dass es sich um „Gefolgsleute” handele. Damit habe er die Parteistruktur „zu seinen Gunsten verändert”.
Bereits 2015 setzte Höcke innerparteiliche Gegner unter Druck. Nachdem die Landtagsabgeordneten Siegfried Gentele, Oskar Helmerich und Jens Krumpe aus dem Lucke-Lager eine Gegenresolution zur Erfurter Resolution unterzeichnet hatten, wurde Helmerich und Krumpe nahegelegt, ihre Ausschussposten aufzugeben. Gentele wurde aus der Fraktion ausgeschlossen.
Ab 2017 versuchte die Alternative Mitte Thüringen, die unter anderem von Witter und Steffi Brönner gegründet wurde, eine liberal-konservative Gegenbewegung zu etablieren. Der Landesverband reagierte mit disziplinarischen Maßnahmen. Witter wurde als Kreisvorsitzender abgewählt, gegen Brönner wurde später ein Parteiausschlussverfahren eingeleitet, dem sie durch ihren Austritt zuvorkam. Spätestens ab 2019 spielte die Gruppierung keine Rolle mehr.
Auch in den Jahren 2023 und 2024 ging der Landesvorstand gegen abweichende Mitglieder vor. Als Karlheinz Frosch im Herbst 2023 in Rudolstadt als Spitzenkandidat für den Kreistag und Stadtrat aufgestellt wurde und die Liste überwiegend mit seinen Leuten besetzt wurde, versuchte der Landesvorstand, eine Wahlwiederholung zu erzwingen, die Frosch jedoch verhinderte. Daraufhin gründete das Höcke-Lager die Konkurrenzvereinigung Alternative für den Landkreis Saalfeld-Rudolstadt und warb mit Höckes Konterfei.
Mittelbarer Einfluss Bundesebene
Abschnitt betitelt „Mittelbarer Einfluss Bundesebene“Höcke verzichtete 2024 auf eine eigene Bundestagskandidatur und unterstützte stattdessen Möller, Teske und Braga bei ihren Kandidaturen. Alle drei zogen in den Bundestag ein.
Höcke verfügte mit Alexander Gauland früh über einen einflussreichen Unterstützer an der Parteispitze. Gauland stand 2017, als das Parteiausschlussverfahren gegen Höcke eingeleitet wurde, hinter ihm.
Am Wahlabend der Thüringer Landtagswahl 2019 sagte Gauland: „Herr Höcke rückt die Partei nicht nach rechts. Herr Höcke ist die Mitte der Partei.”
Während Weidel noch 2017 Frauke Petry beim Parteiausschlussverfahren gegen Höcke unterstützte,
Auch in der Bundestagsfraktion wurde öffentliche Kritik an Höcke parteiintern sanktioniert. Der Bundestagsabgeordnete und verteidigungspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion Rüdiger Lucassen kritisierte im Bundestag eine Rede, die Höcke zur Wehrpflicht im Thüringer Landtag gehalten hatte. Der Fraktionsvorstand leitete daraufhin ein Ordnungsverfahren gegen Lucassen ein.
Gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung sagte Lucassen im März 2026: „Man versucht im Moment, mich in meiner Position als verteidigungspolitischer Sprecher abzusetzen.”
Wenn Sie darunter den parteiinternen Einfluss auf die wesentlichen Amtsträger und öffentlich bekannten Protagonisten verstehen, hat das Höcke-Lager die Oberhand. Aber rein zahlenmäßig ist dieses Lager nicht in der Mehrheit. Es ist auch nicht das wahre Gesicht der Partei.
Lucassen trat im März 2026 als verteidigungspolitischer Sprecher seiner Fraktion zurück und kam damit einem Misstrauensantrag zuvor.
Vernetzung
Abschnitt betitelt „Vernetzung“Höcke spricht sich mit dem aktuell wohl mächtigsten Netzwerk innerhalb der AfD um Sebastian Münzenmaier ab (siehe oben C.II.2).
Höcke stand immer hinter der Jungen Alternative (JA) und pflegt enge Kontakte zu ihr. Bereits 2014 trat er als Gastredner bei einer Weihnachtsfeier der JA Baden-Württemberg auf. Der Verband erklärte öffentlich, Höcke sei „DER kommende Mann der AfD!”
Höcke nahm im November 2025 an der Gründung der Nachfolgeorganisation Generation Deutschland teil.
Heute war ein bedeutender Tag für unsere Partei: Die neue Jugendorganisation hat sich trotz der widrigen Umstände in Gießen offiziell gegründet. Mit unserer Thüringer Delegation durfte ich diesen besonderen Moment erleben.
Elektorale Legitimation
Abschnitt betitelt „Elektorale Legitimation“Die innerparteiliche Stellung von Höcke wird maßgeblich durch Wahlerfolge gestützt. Der Thüringer Landesverband zählt seit seinem ersten Einzug in den Landtag 2014 zu den elektoral stärksten der Partei. Bei der Landtagswahl 2024 erzielte er mit 32,8 Prozent
Fazit: Das Höcke-Lager
Abschnitt betitelt „Fazit: Das Höcke-Lager“Björn Höcke gehört zu den prägendsten Figuren der AfD. Sein Einfluss reicht weit über den Thüringer Landesverband hinaus und hat die inhaltliche Ausrichtung der Partei insgesamt geprägt. Als Mitinitiator und prägendes Gesicht des völkisch-nationalistischen „Flügels” trieb er dessen Durchsetzung in der Partei maßgeblich voran. Die formale Auflösung des „Flügels” im Jahr 2020 bedeutete keine Schwächung dieser Strömung.
Höckes Einfluss beruht auf mehreren Faktoren. Er verfügt mit dem Thüringer Landesverband seit mehr als einem Jahrzehnt über eine stabile regionale Verankerung. Loyale Mitstreiter wie der Co-Landessprecher Stefan Möller, das Vorstandsmitglied Torben Braga und der frühere Büroleiter Höckes, Robert Teske, tragen diese Struktur mit. Innerparteiliche Gegenkräfte wurden im Landesverband systematisch marginalisiert. Die sehr guten Wahlergebnisse stärken den politischen Kurs des Verbandes und schwächen innerparteiliche Kritik. Zudem hat sich Höckes Stellung auf Bundesebene zunehmend gefestigt. Alice Weidel, die 2017 noch das Parteiausschlussverfahren gegen ihn unterstützt hatte, bezeichnete ihn später als „freiheitlich denkenden Menschen” und arbeitet heute mit ihm situativ zusammen. Mit dem Netzwerk um Sebastian Münzenmaier bestehen personelle Überschneidungen und werden strategische Absprachen getroffen. Hinzu kommt die Nähe zur Jugendorganisation der Partei, die seiner politischen Ausrichtung langfristigen Einfluss sichert. Das Scheitern sämtlicher innerparteilicher Gegeninitiativen wie Weckruf 2015, Alternative Mitte und des Parteiausschlussverfahrens unterstreicht, dass Höckes Kurs in der Gesamtpartei keinen ernsthaften Widerstand mehr erfährt.