Das Institut für Staatspolitik
Götz Kubitschek gilt als einer der einflussreichsten Vordenker der Neuen Rechten in Deutschland. Er gründete im Jahr 2000 gemeinsam mit dem neurechten Publizisten und Autor Karlheinz Weißmann das Institut für Staatspolitik (IfS) in Schnellroda, Sachsen-Anhalt. Der Verein für Staatspolitik, offizieller Träger des Instituts, wurde im April 2024 aufgelöst. Als Nachfolgeorganisation existiert seit Februar 2024 die Menschenpark Veranstaltungs-UG. Zudem wurde die Metapolitik Verlags-UG gegründet, die inzwischen die zuvor vom IfS herausgegebene Zeitschrift Sezession publiziert.
Das IfS fungiert als Denkfabrik und Schulungszentrum der neurechten Szene und organisiert regelmäßig sogenannte Akademien. Kubitschek verfolgt eine metapolitische Strategie mit dem Ziel, den gesellschaftlichen Diskurs durch intellektuelle Einflussnahme nach rechts zu verschieben.
Erbe der Jungkonservativen
Abschnitt betitelt „Erbe der Jungkonservativen“Kubitschek versteht das IfS „als einzige[n] ernsthafte[n] Erbe[n] der Jungkonservativen”
Edgar Julius Jung, Vertreter der Strömung, definierte die Konservative Revolution folgendermaßen:
Wiederinachtsetzung aller jener elementaren Gesetze und Werte, ohne welche der Mensch den Zusammenhang mit der Natur und Gott verliert und keine wahre Ordnung aufkommen kann. An die Stelle der Gleichheit tritt die innere Wertigkeit, an die Stelle der mechanischen Wahl das organische Führerwachstum, an die Stelle bürokratischen Zwangs die innere Verantwortung echter Selbstverwaltung, an die Stelle des Massenglücks das Recht der Volkgemeinschaft [sic].
Jung entwirft hier ein antimodernes Programm, das Gleichheit, Parlamentarismus und demokratische Repräsentation als Verfallserscheinungen verwirft und ihnen eine organisch gedachte, an Natur, Gott und Volksgemeinschaft ausgerichtete Ordnung entgegenstellt. Die darin enthaltene Unterordnung des Einzelnen unter das Ganze beschreibt Oswald Spengler wie folgt:
Kein „Ich”, sondern ein „Wir”, ein Gemeingefühl, in dem jeder mit seinem gesamten Dasein aufgeht. Auf den einzelnen kommt es nicht an, er hat sich dem Ganzen zu opfern.
Die Idee der Gleichberechtigung lehnt Spengler ab, da er in ihr eine Gefahr für die gesellschaftliche Stabilität sieht:
Aber die Gesellschaft beruht auf der Ungleichheit der Menschen. Das ist eine naturhafte Tatsache. […] „Gleiche Rechte” sind wider die Natur, sind die Zeichen der Entartung altgewordener Gesellschaften, sind der Beginn ihres unaufhaltsamen Zerfalls.
Die Ablehnung des Gleichheitsgrundsatzes wird mit Bezug auf die Natur begründet: Demokratische Rechtsgleichheit gilt nicht als zivilisatorische Errungenschaft, sondern als widernatürlich und als Symptom gesellschaftlichen Verfalls. Die demokratische Ordnung erscheint so nicht als schützenswert, sondern als Krankheit, die durch Rückkehr zu vermeintlich natürlichen Hierarchien geheilt werden müsse.
Trotz der Ablehnung liberal-demokratischer Werte wurde der Begriff der Demokratie beibehalten. Zentraler Bezugspunkt ist dabei der Staatsrechtler Carl Schmitt, der Demokratie als Identität von Regierenden und Regierten begreift:
Zur Demokratie gehört also notwendig erstens Homogenität und zweitens — nötigenfalls — die Ausscheidung oder Vernichtung des Heterogenen. […] Die politische Kraft einer Demokratie zeigt sich darin, daß sie das Fremde und Ungleiche, die Homogenität Bedrohende zu beseitigen oder fernzuhalten weiß.
Diese Identität sei im 19. Jahrhundert vor allem an nationale Homogenität geknüpft.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Denker der Konservativen Revolution Gesellschaft naturalisierten, das Individuum dem Kollektiv unterordneten und nationale Homogenität zur Voraussetzung von Demokratie erklärten.
Aktualisierung durch Kubitschek
Abschnitt betitelt „Aktualisierung durch Kubitschek“In Kubitscheks Ausführungen zum Ethnopluralismus lässt sich diese ideologische Linie wiederfinden. In einem Interview sagte Kubitschek:
Ich glaube, dass bestimmte politische Konzeptionen nur funktionieren, wenn es eine gewisse Homogenität im Volk gibt. Demokratie ist nur möglich, wenn Sie akzeptieren können, dass Sie überstimmt werden. Wenn das, was Sie überstimmt, zu fremd ist, dann können Sie das nicht.
Diese Homogenität fasst er ethnisch: „Klar ist, dass jedes Volk auch eine ethnische Größe ist und dass der Verlust dieser relativen Homogenität große Probleme nach sich zieht.”
Ich für meinen Teil gehe davon aus, daß wir in einem kranken Staatsgebilde und Volkskörper leben: amerikanisiert, also umerzogen bis zur Selbstverleugnung; an den Westen verloren entgegen vitaler Interessen, die wir als die Nation der Mitte Europas auch in Richtung Osten zu vertreten haben; am Rande einer demographischen Katastrophe; in manchen Regionen und Städten überfremdet bis zur Unkenntlichkeit; in steilem Sinkflug begriffen von einem Niveau der Bildung herab, das einst seinesgleichen auf der Welt suchte; seelisch verkrüppelt durch eine auf Schuld, Schande und verbrecherisches Erbe fixierte Geschichtserzählung und -politik.
In diesem Befund zeigt sich zudem ein strukturell antisemitisches Argumentationsmuster: Kubitschek konstruiert einen kausalen Zusammenhang zwischen Holocaustgedenken und dem gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft, wobei die Erinnerung als fremde Macht — codiert als „amerikanisiert” — erscheint, die Deutschland seiner natürlichen Identität beraubt habe. Die vermeintliche Umerziehung habe zur „Selbstverleugnung”, seelischen Verkrüppelung und zur Überfremdung geführt. Kubitschek entwirft damit ein geschichtsrevisionistisches Narrativ, in dem das Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus und den Holocaust zur eigentlichen Katastrophe wird. Er bezeichnet das Gedenken als „Propaganda-Erzählung”
Unser Ziel ist nicht die Beteiligung am Diskurs, sondern sein Ende als Konsensform, nicht ein Mitreden, sondern eine andere Sprache, nicht der Stehplatz im Salon, sondern die Beendigung der Party.
Kubitschek beansprucht damit nicht, an bestehenden gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen teilzunehmen, sondern diese grundsätzlich zu delegitimieren.
Remigration
Abschnitt betitelt „Remigration“Im Frühjahr 2025 löste Maximilian Krah mit einer veränderten Position zu ‚Remigration’ eine innerrechte Debatte aus. Während er das Konzept zuvor uneingeschränkt befürwortete und darin etwa „keine Grausamkeit”
Verhältnis zur AfD
Abschnitt betitelt „Verhältnis zur AfD“Die Beziehungen zwischen AfD-Funktionär*innen und dem IfS sowie dessen Mitbegründer Kubitschek bestehen seit Jahren. Eine Abgrenzung von Seiten der aktuellen Parteispitze ist nicht zu vernehmen.
Das IfS und Götz Kubitschek fungieren für zentrale AfD-Politiker*innen als ideologischer Bezugspunkt. Björn Höcke erklärte 2015, er beziehe sein „geistiges Manna”
Als Kubitschek 2015 einen Aufnahmeantrag bei der AfD stellte, wurde diesem zunächst stattgegeben, die Entscheidung jedoch kurze Zeit später widerrufen. Die Partei begründete dies damit, dass „[r]echtsextremes Gedankengut in der AfD nicht willkommen”
Auch im parlamentarischen Rahmen versuchte die AfD, Kubitschek als Experten einzubinden. Die AfD-Fraktion im Bayerischen Landtag benannte Kubitschek als Sachverständigen für eine Anhörung des Bildungsausschusses am 15. Mai 2025 zum Thema Demokratiebildung. Der Auftritt wurde jedoch von den übrigen Fraktionen verhindert.
Auf Bundesebene lud der Abgeordnete Matthias Helferich, der zu diesem Zeitpunkt fraktionslos war, am 3. Dezember 2024 Kubitschek in den Bundestag ein. Unter den weiteren Gäst*innen befanden sich auch die Bundestagsabgeordneten Christina Baum und Roger Beckamp sowie der neurechte Autor Benedikt Kaiser (zu ihm unter G.I.3.c)) und Herausgeber der Zeitschrift Sezession, Erik Lehnert.
Darüber hinaus trat Kubitschek am 15. September 2025 bei einer AfD-Veranstaltung in Düsseldorf mit dem Titel „Die ersten 100 Tage — Eine Vision in Düsseldorf” auf
Eine besonders enge institutionelle Verknüpfung besteht in Brandenburg, wo der Herausgeber der Zeitschrift Sezession, Erik Lehnert, zugleich als Fraktionsgeschäftsführer der dortigen AfD-Landtagsfraktion fungiert. Diese Personalunion schlägt sich auch in gemeinsamen Auftritten nieder: Lehnert trat mit Kubitschek am 6. Oktober 2020 bei einer AfD-Veranstaltung zum Thema „125 Jahre Ernst Jünger” in Hönow auf. Eingeladen hatten der AfD-Kreisverband Marzahn-Hellersdorf und die Junge Alternative Berlin.
Veranstaltungen des IfS
Abschnitt betitelt „Veranstaltungen des IfS“Neben Auftritten von Kubitschek innerhalb des Parlamentsbetriebs bilden die Formate des IfS selbst eine wesentliche Säule der Vernetzung. Das Rittergut in Schnellroda gilt als zentraler Treffpunkt der Neuen Rechten. Bei den sogenannten Akademien treffen AfD-Politiker*innen auf die außerparlamentarische extreme Rechte, hören oder halten Vorträge und tauschen sich miteinander aus. Zu den Gästen zählten in der Vergangenheit auch NPD-Politiker und Mitglieder der Identitären Bewegung.
Zahlreiche AfD-Politiker*innen traten zudem in den Podcastformaten des IfS auf, darunter unter anderem der Brandenburger Landtagsabgeordnete Dominik Kaufner
Die personellen Verflechtungen bestehen auch im publizistischen Bereich. AfD-Politiker*innen veröffentlichten Gastbeiträge in der Zeitschrift Sezession oder gaben ihr Interviews. Dazu gehören unter anderem der thüringische Landesvorsitzende Björn Höcke,