Zum Inhalt springen
Interaktive Ergebnisse Spenden

Fazit: Entwicklung, Machtzentren und Vorfeld der Alternative für Deutschland

In der AfD haben sich die radikalen Kräfte durchgesetzt. Dies ist das Ergebnis eines schrittweisen Prozesses, in dessen Verlauf sich die Partei inhaltlich und personell kontinuierlich nach rechts verschoben hat (siehe oben B.). Zu Beginn standen wirtschaftsliberale und euroskeptische Positionen im Fokus, heute prägen eine restriktive Migrationspolitik und das Streben nach kultureller Homogenität die Partei (siehe oben A.). Spätestens seit 2022 sind Funktionär*innen des radikalen Spektrums im Bundesvorstand maßgeblich vertreten. Seit 2024 sind dort ostdeutsche Landesverbände, in denen völkisch-nationalistische Positionen dominieren, gemessen an ihrem Mitgliederanteil überrepräsentiert (siehe oben C.I.). Gleichzeitig besetzt eine Generation zunehmend zentrale Parteipositionen, die politisch in der radikalen Jugend­organisation Junge Alternative (JA) sozialisiert wurde und enge Verbindungen zur außerparlamentarischen extremen Rechten unterhält (siehe oben E.I). Wirtschaftsliberale und nationalkonservative Kräfte haben die Partei in den vergangenen Jahren entweder verlassen, sich selbst radikalisiert oder tolerieren die Radikalisierung weitgehend. Auch die Auflösung des „Flügels” im Jahr 2020 bedeutete keinen Rückzug des völkisch-nationalistischen Spektrums. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich entsprechende Positionen bereits in weiten Teilen der Partei etabliert (siehe oben B.). Ein ähnliches Muster zeigte sich nach der Auflösung der JA. Die Nachfolgeorganisation Generation Deutschland weist eine hohe personelle Kontinuität zur JA auf, steht zwar unter stärkerer Kontrolle der Mutterpartei, tritt jedoch nicht weniger radikal auf und fungiert weiterhin als Kaderschmiede mit engen Verbindungen zur außerparlamentarischen extremen Rechten (siehe oben E.). Eine Strömung, die sich öffentlich und dauerhaft gegen die radikalen Kräfte in der AfD positioniert, existiert nicht mehr. Ebenso fehlt eine konsequente Abgrenzung durch Ordnungsmaßnahmen. Zwar werden solche Maßnahmen innerhalb der AfD häufig durchgeführt; gegen besonders auffällige Akteur*innen des radikalen Spektrums wurden sie jedoch selten ergriffen. Soweit dies dennoch geschah, wurde es insbesondere durch externen Druck ausgelöst und folgte häufig strategischen oder machtpolitischen Überlegungen oder wurde formaljuristisch begründet (siehe oben D.I). Auch die Unvereinbar­keits­liste dient nicht einer klaren Abgrenzung. Die Parteiführung trennt bewusst zwischen formaler Mitgliedschaft und politischem Austausch und ermöglicht damit faktische Zusammenarbeit mit der außerparlamentarischen extremen Rechten, während zugleich eine formale Distanz gewahrt bleibt (siehe oben D.II). Die Verbindungen zu diesem Milieu durchziehen sämtliche Ebenen der Partei (siehe oben G.).

Die innerparteiliche Rechtsverschiebung zeigt sich auch auf europäischer und internationaler Ebene. Im Europäischen Parlament bewegte sich die AfD schrittweise nach rechts, von der nationalkonservativen Fraktion Europäische Konservative und Reformer über die rechtspopulistische bis rechtsextreme Identität und Demokratie bis hin zur Fraktion Europa der Souveränen Nationen, die sie personell dominiert (siehe oben F.I). Als engste Verbündete gelten ihr die Freiheitliche Partei Österreichs und Fidesz, die beide eine restriktive Migrationspolitik vertreten (dazu F.II). Zudem sucht die AfD gezielt Kontakte zu illiberalen und autoritären Regierungen und Akteur*innen, darunter Russland unter Wladimir Putin sowie das Umfeld von Donald Trump in den Vereinigten Staaten (siehe oben F.III).

Trotz dieser Entwicklung ist die Partei ideologisch nicht vollständig homogen. Unterschiede zwischen Akteur*innen bestehen fort; in ihren Kernthemen — insbesondere Migration und Umgang mit dem politischen Gegner (dazu unter Teil 3 B.II) — überwiegen jedoch die programmatischen Gemeinsamkeiten. Differenzen betreffen häufig strategische Fragen oder die Außenpolitik.

Die aktuelle Doppelspitze aus Alice Weidel und Tino Chrupalla spiegelt diese veränderte Lage wider. Während die Doppelspitze früher unterschiedliche innerparteiliche Strömungen ausbalancieren sollte, agieren Weidel und Chrupalla heute innerhalb einer weitgehend konsolidierten Partei. Ihre Zusammenarbeit mit Akteur*innen innerhalb der Partei folgt vor allem pragmatischen Machtlogiken. Obwohl formal gleichberechtigt, verfügt Weidel derzeit über mehr Rückhalt und Einfluss. Chrupalla konnte zeitweise die großen Landesverbände Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen hinter sich versammeln. Dieser Rückhalt ist jedoch geschwächt, insbesondere durch den anhaltenden Machtkampf in Nordrhein-Westfalen, in dessen Verlauf sein Lager an Einfluss verloren hat. Besonders Weidels Nominierung zur Kanzlerkandidatin für die Bundestagswahl 2025 unterstreicht ihre herausgehobene Stellung. Diese beruht auf ihrem strategisch opportunen Handeln, mit dem sie die innerparteiliche Radikalisierung der Partei stets mitgetragen hat. Zugleich stützt sie sich auf das Netzwerk um Sebastian Münzenmaier und das Lager von Björn Höcke (siehe oben C.II.1).

Das sogenannte Münzenmaier-Netzwerk wirkt weniger durch offene Konfrontation als durch Koordination, etwa über Konsenslisten und informelle Absprachen. Auf diese Weise besetzt es wichtige Positionen auf Bundes-, Landes- und europäischer Ebene (siehe oben C.II.2). Das Lager um Höcke stimmt sich mit diesem Netzwerk ab und beeinflusst so zentrale Entscheidungen (siehe oben C.II.3). Beide Strukturen waren eng mit der JA verbunden, beziehungsweise sind teilweise selbst aus ihr hervorgegangen; zudem unterhalten sie enge Kontakte zur außerparlamentarischen extremen Rechten. Die Zusammenarbeit zwischen Weidel und Höcke zeigt, dass innerparteiliche Allianzen nicht zwingend auf inhaltlicher Übereinstimmung beruhen. Während Weidel eher transatlantisch ausgerichtet ist, gilt Höcke als russlandfreundlich.

Gemeinsam bilden der Personenkreis um Münzenmaier und das Höcke-Lager Weidels zentrale Machtbasis: ein innerparteiliches Netzwerk, das Mehrheiten organisiert und Personalentscheidungen beeinflusst, und ein politisches Lager, dessen Gewicht durch Wahlerfolge gestützt wird und das die inhaltliche Ausrichtung der Partei maßgeblich geprägt hat. Diese Konstellation erweist sich derzeit als stabiler als Chrupallas Rückhalt in großen Landesverbänden wie Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen.

Die Radikalisierung ist nicht auf Teile der Partei beschränkt geblieben, sondern hat ihre gesamte Struktur erfasst. Kräfte, die dieser Entwicklung innerparteilich entgegenwirken könnten, sind nicht mehr vorhanden.

Jetzt deinen Abgeordneten schreiben