Das informelle Netzwerk um Sebastian Münzenmaier
Die zentrale Figur des aktuell einflussreichsten Netzwerks in der AfD ist Sebastian Münzenmaier. Münzenmaier trat 2013 in die AfD und die Junge Alternative ein. Seit 2015 ist er Vorsitzender der AfD Mainz, seit 2019 stellvertretender Vorsitzender der AfD Rheinland-Pfalz und stellvertretender Fraktionsvorsitzender der AfD-Bundestagsfraktion. Laut internen E-Mails, die dem Spiegel vorliegen, pflegt er in letzterer Position einen regelmäßigen Austausch mit den Arbeitskreisen, den Landtagsfraktionen und der Bundesgeschäftsstelle der Partei. Innerhalb der Bundestagsfraktion übernahm er zudem für die inzwischen aufgelöste Junge Alternative (JA) die Rolle des Ansprechpartners.
Seine Biografie weist mehrere Verbindungen zum extrem rechten außerparlamentarischen Milieu auf. 2017 wurde er wegen Beihilfe zu gefährlicher Körperverletzung im Zusammenhang mit einem Hooligan-Angriff von Anhängern des 1. FC Kaiserslautern auf Mainz-Fans im Jahr 2012 zu einer Geldstrafe verurteilt.
Entstehung und Ziele
Abschnitt betitelt „Entstehung und Ziele“Medienberichten zufolge formierte sich das Netzwerk im Anschluss an den Bundesparteitag in Riesa 2022, der wegen Streitigkeiten über die Europapolitik vorzeitig beendet wurde.
Inhaltlich steht das Netzwerk dem völkisch-nationalistischen Spektrum um Höcke nahe; außenpolitisch zeigt es sich jedoch weniger pro-russisch und auch geschichtsrevisionistische Äußerungen und symbolische Anlehnungen an den Nationalsozialismus werden vermieden.
Das Netzwerk soll nach Informationen des Sterns enge Kontakte zu allen bedeutenden rechten Parteien in Europa haben.
Mitglieder des „Netzwerks”
Abschnitt betitelt „Mitglieder des „Netzwerks”“Die folgenden Angaben beruhen auf journalistischen Recherchen, da es sich um eine informelle Struktur ohne offizielle Mitgliederlisten oder öffentliche Selbstdarstellung handelt; die Journalist*innen stützen sich dabei auf eigene Beobachtungen und Informationen aus Parteikreisen.
Auf der Bundesebene verfügt das Netzwerk über drei Mitglieder im Bundesvorstand: Dennis Hohloch
Auf Landesebene ist das Netzwerk in mehreren Bundesländern vertreten. René Springer ist Landesvorsitzender in Brandenburg, Ulrich Siegmund
Auf europäischer Ebene leitet René Aust
Das Netzwerk sichert seinen Einfluss auf den Parteinachwuchs über Jean-Pascal Hohm, der als Vorsitzender der Jugendorganisation Generation Deutschland (GD) die Rekrutierung künftiger Funktionsträger*innen maßgeblich mitgestaltet.
Der Einfluss des Netzwerkes beruht jedoch nicht ausschließlich auf diesen Parteiämtern, sondern auch auf der systematischen Vernetzung mit dem rechtsextremen außerparlamentarischen Milieu (dazu unter G). Diese Verflechtungen verschaffen dem Münzenmaier-Netzwerk Zugang zu personellen und ideologischen Ressourcen jenseits der offiziellen Parteiorganisation.
Ein wesentliches verbindendes Element der Akteure ist ihre gemeinsame Sozialisation in der JA. Fast alle Netzwerkmitglieder waren dort in Führungspositionen aktiv. Auf Bundesebene amtierten Damian Lohr und zuletzt Hannes Gnauck als Bundesvorsitzende der JA. Sebastian Münzenmaier leitete die JA Rheinland-Pfalz, Jan Nolte die JA Hessen und Dennis Hohloch und Jean-Pascal Hohm zeitweise sogar zusammen die JA Brandenburg.
Mehrere Mitglieder des Münzenmaier-Netzwerks sind burschenschaftlich verbunden. Münzenmaier, Lohr und Jungbluth sind Mitglieder der Burschenschaft Germania zu Halle in Mainz.
Durch die Positionierung auf verschiedenen Parteiebenen kann das Netzwerk sowohl auf bundespolitische Debatten als auch auf Entscheidungen in den Landesverbänden und auf europäischer Ebene Einfluss nehmen.
Die Entwicklung der Netzwerkmitglieder verdeutlicht die strategische Bedeutung des Zusammenschlusses für den Aufstieg innerhalb der Partei. Deutlich wird dies an Alexander Jungbluth. Er arbeitete zunächst als Mitarbeiter für Münzenmaier, bevor dieser ihn 2024 als Schatzmeister vorschlug und ihm damit zu einem Sitz im Bundesvorstand verhalf.
Strategisches Vorgehen
Abschnitt betitelt „Strategisches Vorgehen“Professionalisierung durch Generalsekretär
Abschnitt betitelt „Professionalisierung durch Generalsekretär“Das Netzwerk versucht, seinen Einfluss auch durch strukturelle Veränderungen der Parteiorganisation zu verstetigen, etwa durch die Schaffung eines Generalsekretärspostens.
Bundesparteitag und Europawahlversammlung in Magdeburg 2023
Abschnitt betitelt „Bundesparteitag und Europawahlversammlung in Magdeburg 2023“Auf der Europawahlversammlung und dem Bundesparteitag in Magdeburg 2023 sowie dem Bundesparteitag in Essen 2024 zeigte die Strategie der Professionalisierung Wirkung.
Vor dem Bundesparteitag in Magdeburg Ende Juli und Anfang August 2023 trat Münzenmaier als Vermittler bei der Auswahl der Kandidat*innen für die Europawahl-Listenplätze auf. Nach Informationen des Spiegels arbeitete sein Netzwerk im Vorfeld in einer Chatgruppe mit Weidel, Chrupalla und Höcke an einer mehrheitsfähigen Liste. Ziel war es, einen reibungslosen Ablauf der Wahlen sicherzustellen.
Dies gelang für den vierten Listenplatz jedoch nicht. Aus diesem Grund kam das Netzwerk am Samstagnachmittag am Rande der Halle und anschließend in einem Hotelzimmer zusammen, um sich mit anderen Beteiligten abzustimmen und einen Kompromiss zu erzielen. Mit Erfolg: Die AfD konnte bis Sonntagabend wie vorgesehen alle fünfzehn Listenplätze besetzen. Zwölf der gewählten Personen standen auf Münzenmaiers Konsensliste.
Bundesparteitag Essen 2024
Abschnitt betitelt „Bundesparteitag Essen 2024“Ähnlich agierte das Netzwerk vor dem Parteitag in Essen im Juni 2024. Nach Angaben führender Funktionär*innen führte das Netzwerk Gespräche sowohl mit den Parteivorsitzenden als auch mit den Landessprechern, um Auseinandersetzungen bei der Wahl des Vorstandes zu vermeiden.
Vernetzung mit der außerparlamentarischen extremen Rechten
Abschnitt betitelt „Vernetzung mit der außerparlamentarischen extremen Rechten“Das Netzwerk bemüht sich nach außen um ein professionelles und seriöses Erscheinungsbild, pflegt dabei jedoch Verbindungen zur außerparlamentarischen extremen Rechten.
Münzenmaier selbst gründete gemeinsam mit Lohr das Zentrum Rheinhessen im Mainzer Stadtteil Hechtsheim. Neben Lohr und Münzenmaier gilt der Leiter von Ein Prozent Philip Stein (dazu unter G.I.3) als Mitgründer.
Bis zu seinem Umzug nach Ingelheim fungierte das Zentrum Rheinhessen als Vernetzungsort zwischen Funktionär*innen der AfD und dem außerparteilichen Umfeld der Partei.
Neben Parteivertreter*innen nutzten auch außerparlamentarische Kräfte das Zentrum Rheinhessen. Dazu zählten Organisationen, die aus der Identitären Bewegung (IB) (dazu unter G.I.1) hervorgegangen sind, wie Lukreta oder Revolte Rheinland.
Mit der Gründung von Bürgerbüros zum Beispiel in Nierstein, Schwabsburg und Gauersheim möchte Münzenmaier an den Erfolg des Zentrums Rheinhessen anschließen. Sein Anliegen ist es, im ländlichen Raum Kulturzentren zu schaffen, um den Austausch von „Patrioten […] ohne Zensur”
Fazit: Das informelle Netzwerk um Sebastian Münzenmaier
Abschnitt betitelt „Fazit: Das informelle Netzwerk um Sebastian Münzenmaier“Das informelle Netzwerk um Sebastian Münzenmaier ist zurzeit die einflussreichste Machtstruktur innerhalb der AfD. Es steht für eine Phase innerparteilicher Professionalisierung, wenngleich jüngere Vetternwirtschaftsskandale deren Grenzen aufzeigen. Seine Stärke beruht auf der Besetzung strategischer Schlüsselpositionen auf Bundes-, Landes- und europäischer Ebene. Die gemeinsame politische Sozialisation in der Jungen Alternative sowie burschenschaftliche Verbindungen bilden dabei eine wichtige Grundlage für Rekrutierung und inhaltliche Überschneidungen.
Das Netzwerk repräsentiert eine jüngere Generation von Funktionären, die inhaltlich kaum vom ehemaligen „Flügel” abweicht, nach außen jedoch um ein professionelles Erscheinungsbild bemüht ist. Diese Strategie soll die Partei regierungsfähig erscheinen lassen, ohne grundlegende programmatische Positionen aufzugeben. Zugleich unterhält das Netzwerk Verbindungen zur außerparlamentarischen extremen Rechten.
Seinen Einfluss entfaltet das Netzwerk über informelle Absprachen und Aushandlung von Konsenslisten zwischen unterschiedlichen Lagern. Ziel ist es, offene Konflikte auf Parteitagen zu vermeiden. Auf diese Weise gewinnt die Gruppe Einfluss darauf, welche Personen zentrale Ämter erhalten und welche Themen die innerparteilichen Debatten prägen.
Das Münzenmaier-Netzwerk steht damit exemplarisch für die gegenwärtige Entwicklungsphase der AfD: äußere Professionalisierung bei inhaltlicher Kontinuität zum völkisch-nationalistischen Spektrum.