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Das informelle Netzwerk um Sebastian Münzenmaier

Die zentrale Figur des aktuell einflussreichsten Netzwerks in der AfD ist Sebastian Münzenmaier. Münzenmaier trat 2013 in die AfD und die Junge Alternative ein. Seit 2015 ist er Vorsitzender der AfD Mainz, seit 2019 stellvertretender Vorsitzender der AfD Rheinland-Pfalz und stellvertretender Fraktionsvorsitzender der AfD-Bundestagsfraktion. Laut internen E-Mails, die dem Spiegel vorliegen, pflegt er in letzterer Position einen regelmäßigen Austausch mit den Arbeitskreisen, den Landtagsfraktionen und der Bundesgeschäftsstelle der Partei. Innerhalb der Bundestagsfraktion übernahm er zudem für die inzwischen aufgelöste Junge Alternative (JA) die Rolle des Ansprechpartners. Münzenmaier selbst war von 2013 bis 2014 Landes­vorsitzender der JA Rheinland-Pfalz. Zur Bundestagswahl 2025 trat er, wie schon die zwei Legislaturperioden zuvor, als Spitzenkandidat der AfD Rheinland-Pfalz an. Im Wahlkreis Kaiserslautern lieferte er sich ein knappes Rennen um das Direktmandat, das er schließlich an den SPD-Kandidaten Matthias Mieves verlor.

Seine Biografie weist mehrere Verbindungen zum extrem rechten außer­parlamentarischen Milieu auf. 2017 wurde er wegen Beihilfe zu gefährlicher Körperverletzung im Zusammenhang mit einem Hooligan-Angriff von Anhängern des 1. FC Kaiserslautern auf Mainz-Fans im Jahr 2012 zu einer Geldstrafe verurteilt. Er ist Mitglied der Burschenschaft Germania Halle zu Mainz und einer der Gründer des Zentrums Rheinhessen, eines Vernetzungs- und Veranstaltungszentrums der AfD und ihres Umfelds (dazu unter G). Vor seiner Mitgliedschaft in der AfD gehörte er von 2011 bis 2012 der islamfeindlichen Partei Die Freiheit an.

Medienberichten zufolge formierte sich das Netzwerk im Anschluss an den Bundesparteitag in Riesa 2022, der wegen Streitigkeiten über die Europapolitik vorzeitig beendet wurde. Der Zusammenschluss verfolge das strategische Ziel, solche offenen Konflikte künftig durch vorherige Abstimmung zwischen unterschiedlichen Strömungen in der Partei zu vermeiden und so professioneller aufzutreten. Das Netzwerk tritt so als Garant für reibungslose Parteitage auf und kontrolliert zugleich, welche Themen zur Abstimmung kommen und wer auf Kandidatenlisten steht. Münzenmaier selbst weist die Charakterisierung als Netzwerk zurück; er spreche, so sagte er in einem Interview mit Phoenix, „selbstverständlich [mit] allen möglichen Leuten”.

Inhaltlich steht das Netzwerk dem völkisch-nationalistischen Spektrum um Höcke nahe; außenpolitisch zeigt es sich jedoch weniger pro-russisch und auch geschichtsrevisionistische Äußerungen und symbolische Anlehnungen an den Nationalsozialismus werden vermieden.

Das Netzwerk soll nach Informationen des Sterns enge Kontakte zu allen bedeutenden rechten Parteien in Europa haben.

Die folgenden Angaben beruhen auf journalistischen Recherchen, da es sich um eine informelle Struktur ohne offizielle Mitgliederlisten oder öffentliche Selbst­darstellung handelt; die Journalist*innen stützen sich dabei auf eigene Beobachtungen und Informationen aus Parteikreisen.

Auf der Bundesebene verfügt das Netzwerk über drei Mitglieder im Bundes­vorstand: Dennis Hohloch, Hannes Gnauck und Alexander Jungbluth. Im Bundestag ist mit Münzenmaier ein Netzwerkmitglied stellvertretender Fraktions­vorsitzender. Weitere Bundestagsabgeordnete aus dem Netzwerk sind René Springer, Jan Nolte und Matthias Helferich.

Auf Landesebene ist das Netzwerk in mehreren Bundesländern vertreten. René Springer ist Landesvorsitzender in Brandenburg, Ulrich Siegmund Mitglied des Landesvorstands und Fraktionsvorsitzender in Sachsen-Anhalt, Damian Lohr parlamentarischer Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion in Rheinland-Pfalz, Andreas Lichert Landessprecher der AfD Hessen, Tobias Rausch sachsen-anhaltischer Landtagsabgeordneter und Jean-Pascal Hohm brandenburgischer Landtagsabgeordneter. Besonders auffällig ist die Konzen­tration in Brandenburg, wo mit Hohloch, Gnauck, Springer und Hohm gleich vier Netzwerkmitglieder verankert sind.

Auf europäischer Ebene leitet René Aust die AfD-Delegation und fungiert als Co-Vorsitzender der Fraktion Europa der Souveränen Nationen (ESN). Alexander Sell ist Vorsitzender und Alexander Jungbluth stellvertretender Vorsitzen­der der ESN-Fraktion.

Das Netzwerk sichert seinen Einfluss auf den Parteinachwuchs über Jean-Pascal Hohm, der als Vorsitzender der Jugendorganisation Generation Deutschland (GD) die Rekrutierung künftiger Funktionsträger*innen maßgeblich mitgestaltet.

Der Einfluss des Netzwerkes beruht jedoch nicht ausschließlich auf diesen Parteiämtern, sondern auch auf der systematischen Vernetzung mit dem rechtsextremen außerparlamentarischen Milieu (dazu unter G). Diese Verflech­tungen verschaffen dem Münzenmaier-Netzwerk Zugang zu personellen und ideologischen Ressourcen jenseits der offiziellen Parteiorganisation.

Ein wesentliches verbindendes Element der Akteure ist ihre gemeinsame Sozialisation in der JA. Fast alle Netzwerkmitglieder waren dort in Führungs­positionen aktiv. Auf Bundesebene amtierten Damian Lohr und zuletzt Hannes Gnauck als Bundesvorsitzende der JA. Sebastian Münzenmaier leitete die JA Rheinland-Pfalz, Jan Nolte die JA Hessen und Dennis Hohloch und Jean-Pascal Hohm zeitweise sogar zusammen die JA Brandenburg. René Aust war stell­vertretender Vorsitzender im JA-Landesverband Thüringen und Alexander Jungbluth gehörte dem Vorstand der JA Rheinland-Pfalz an. Jean-Pascal Hohm gründete die Junge Alternative in Brandenburg und war Beisitzer in deren Landes­vorstand. An der Neuorganisation der Generation Deutschland soll das Netzwerk beteiligt gewesen sein, zum Beispiel beim Verfassen des Satzungsentwurfs.

Mehrere Mitglieder des Münzenmaier-Netzwerks sind burschenschaftlich verbunden. Münzenmaier, Lohr und Jungbluth sind Mitglieder der Burschen­schaft Germania zu Halle in Mainz. Jungbluth gehört zudem der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn an. Matthias Helferich war bis zu seinem Ausschluss Mitglied der Burschenschaft Frankonia. Sowohl die Germania zu Halle als auch die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks sind Mitglieder im Korporationsverband Deutsche Burschenschaft. Diese burschen­schaftlichen Verbindungen bilden ein alternatives Rekrutierungsnetzwerk parallel zu den offiziellen Parteistrukturen. Die gemeinsame Sozialisation schafft Vertrauensbeziehungen und verweist auf eine ideologische Grund­übereinstimmung.

Durch die Positionierung auf verschiedenen Parteiebenen kann das Netzwerk sowohl auf bundespolitische Debatten als auch auf Entscheidungen in den Landesverbänden und auf europäischer Ebene Einfluss nehmen.

Die Entwicklung der Netzwerkmitglieder verdeutlicht die strategische Bedeutung des Zusammenschlusses für den Aufstieg innerhalb der Partei. Deutlich wird dies an Alexander Jungbluth. Er arbeitete zunächst als Mitarbeiter für Münzenmaier, bevor dieser ihn 2024 als Schatzmeister vorschlug und ihm damit zu einem Sitz im Bundesvorstand verhalf.

Das Netzwerk versucht, seinen Einfluss auch durch strukturelle Veränderungen der Parteiorganisation zu verstetigen, etwa durch die Schaffung eines Generalsekretärspostens. Lohr stellte hierzu beim Parteitag in Essen 2024 einen Antrag, der nach kontroverser Debatte mit knapper Mehrheit an den Satzungsausschuss weitergeleitet wurde. In der geänderten Fassung sieht der Vorschlag vor, dass die Position eines Generalsekretärs auch bei einer Doppel­spitze besetzt werden kann. Lohr begründete seinen Antrag mit Defiziten der bisherigen Führung. In einer internen E-Mail, die dem ZDF vorliegt, kritisiert er, die Partei habe bei der Europawahl nicht das volle Wählerpotenzial ausgeschöpft — ein Defizit, das durch einen Generalsekretär vermieden werden solle. Münzenmaier stellte die Einführung eines Generalsekretärs als Schritt zur weiteren Professionalisierung der Partei dar und betont seine Unterstützung für die bestehende Doppelspitze aus Weidel und Chrupalla sowie die vertrauensvolle Zusammenarbeit im Fraktionsvorstand. Diese Versicherung überdeckt jedoch die strategische Dimension des Vorschlags. Die Schaffung einer solchen Position würde Münzenmaiers Einfluss stärken und Chrupalla seine Position kosten.

Bundesparteitag und Europawahlversammlung in Magdeburg 2023

Abschnitt betitelt „Bundesparteitag und Europawahlversammlung in Magdeburg 2023“

Auf der Europawahlversammlung und dem Bundesparteitag in Magdeburg 2023 sowie dem Bundesparteitag in Essen 2024 zeigte die Strategie der Professionalisierung Wirkung.

Vor dem Bundesparteitag in Magdeburg Ende Juli und Anfang August 2023 trat Münzenmaier als Vermittler bei der Auswahl der Kandidat*innen für die Europawahl-Listenplätze auf. Nach Informationen des Spiegels arbeitete sein Netzwerk im Vorfeld in einer Chatgruppe mit Weidel, Chrupalla und Höcke an einer mehrheitsfähigen Liste. Ziel war es, einen reibungslosen Ablauf der Wahlen sicherzustellen.

Dies gelang für den vierten Listenplatz jedoch nicht. Aus diesem Grund kam das Netzwerk am Samstagnachmittag am Rande der Halle und anschließend in einem Hotelzimmer zusammen, um sich mit anderen Beteiligten abzustimmen und einen Kompromiss zu erzielen. Mit Erfolg: Die AfD konnte bis Sonntagabend wie vorgesehen alle fünfzehn Listenplätze besetzen. Zwölf der gewählten Personen standen auf Münzenmaiers Konsensliste.

Ähnlich agierte das Netzwerk vor dem Parteitag in Essen im Juni 2024. Nach Angaben führender Funktionär*innen führte das Netzwerk Gespräche sowohl mit den Parteivorsitzenden als auch mit den Landessprechern, um Auseinander­setzungen bei der Wahl des Vorstandes zu vermeiden. Die Partei präsentierte sich nach außen weitgehend harmonisch, öffentliche Streitigkeiten blieben aus und die von Münzenmaier maßgeblich zusammengestellte Liste von Konsenskandidat*innen wurde in die Parteiführung gewählt. Münzenmaier selbst beschrieb den Parteitag als den „disziplinierteste[n] Parteitag” der Partei. Es habe „Einigkeit, Geschlossenheit und der klare Wille, im Herbst die Ostwahlen zu gewinnen” geherrscht.

Vernetzung mit der außerparlamentarischen extremen Rechten

Abschnitt betitelt „Vernetzung mit der außerparlamentarischen extremen Rechten“

Das Netzwerk bemüht sich nach außen um ein professionelles und seriöses Erscheinungsbild, pflegt dabei jedoch Verbindungen zur außerparlamen­tarischen extremen Rechten.

Münzenmaier selbst gründete gemeinsam mit Lohr das Zentrum Rheinhessen im Mainzer Stadtteil Hechtsheim. Neben Lohr und Münzenmaier gilt der Leiter von Ein Prozent Philip Stein (dazu unter G.I.3) als Mitgründer. Stein gehört der Marburger Burschenschaft Germania an und war Pressesprecher der Deutschen Burschenschaft (DB).

Bis zu seinem Umzug nach Ingelheim fungierte das Zentrum Rheinhessen als Vernetzungsort zwischen Funktionär*innen der AfD und dem außerparteilichen Umfeld der Partei. Dort befanden sich die Wahlkreisbüros von Münzenmaier und Lohr, der Sitz der Kreisverbände Mainz und Mainz-Bingen sowie die Landesgeschäftsstelle der Partei. AfD-Funktionär*innen nahmen an Veranstaltungen im Zentrum Rheinhessen teil oder traten als Referent*innen auf, darunter Andreas Lichert, Alexander Gauland, Stephan Brandner, Mary Khan-Hohloch und Irmhild Boßdorf.

Neben Parteivertreter*innen nutzten auch außerparlamentarische Kräfte das Zentrum Rheinhessen. Dazu zählten Organisationen, die aus der Identitären Bewegung (IB) (dazu unter G.I.1) hervorgegangen sind, wie Lukreta oder Revolte Rheinland. Nach der Einstufung des Bundesamtes für Verfassungsschutz als rechtsextremistisch hat sich die IB fragmentiert und dezentralisiert. Zwei Mitglieder der Revolte Rheinland waren mit hoher Wahrscheinlichkeit bei der AfD-Landtagswahlparty des Kreisverbands Mainz anlässlich der Landtagswahlen in Hessen und Bayern im Zentrum anwesend. Ebenfalls Teil der IB ist Jonas Schick. Er hielt im August 2022 einen Vortrag im Zentrum zum Thema „Ökologie von rechts”. Die Gruppe Lukreta veranstaltete im Mai 2023 im Zentrum Rheinhessen einen Europäischen Frauenkongress. Bei Lukreta sind sowohl Marie-Thérèse Kaiser, AfD-Mitglied und Mitarbeiterin von Alice Weidel, als auch Reinhild Boßdorf, die Tochter der Europaabgeordneten Irmhild Boßdorf, aktiv. 2023 fand die „Alternative Buchmesse” als Gegenveranstaltung zur Frankfurter Buchmesse im Zentrum Rheinhessen statt. Zu Gast war der frühere NPD-Politiker und Bundesvorsitzende des NPD-Jugendverbands Junge Nationalisten, Michael Schäfer. Zu den größeren Veranstaltungen zählte die Zehnjahresfeier der JA im Jahr 2023. Medienberichten zufolge soll es zum Zeigen des Hitlergrußes gekommen sein; die Ermittlungen stellte die Staatsanwaltschaft mangels identifizierbarer Tatverdächtiger ein.

Mit der Gründung von Bürgerbüros zum Beispiel in Nierstein, Schwabsburg und Gauersheim möchte Münzenmaier an den Erfolg des Zentrums Rheinhessen anschließen. Sein Anliegen ist es, im ländlichen Raum Kulturzentren zu schaffen, um den Austausch von „Patrioten […] ohne Zensur” zu ermöglichen. Diese Strategie hat er im März 2026 in einem Papier unter dem Titel „Verankerung in der Fläche — Die AfD erobert die Dörfer” ausformuliert. In den Wahlkreisen sollen Zentren entstehen, die tagsüber als Anlaufstelle für Bürgeranliegen und abends als Veranstaltungsort dienen. Die Vernetzung mit dem außerparteilichen Vorfeld ist dabei kein Randaspekt, sondern ausdrücklicher Bestandteil der Strategie. Das Papier empfiehlt die „Kooperation mit Vorfeld, Patrioten, alternativer Kulturszene”.

Fazit: Das informelle Netzwerk um Sebastian Münzenmaier

Abschnitt betitelt „Fazit: Das informelle Netzwerk um Sebastian Münzenmaier“

Das informelle Netzwerk um Sebastian Münzenmaier ist zurzeit die einflussreichste Machtstruktur innerhalb der AfD. Es steht für eine Phase inner­parteilicher Professionalisierung, wenngleich jüngere Vetternwirtschafts­skandale deren Grenzen aufzeigen. Seine Stärke beruht auf der Besetzung strategischer Schlüsselpositionen auf Bundes-, Landes- und europäischer Ebene. Die gemeinsame politische Sozialisation in der Jungen Alternative sowie burschenschaftliche Verbindungen bilden dabei eine wichtige Grundlage für Rekrutierung und inhaltliche Überschneidungen.

Das Netzwerk repräsentiert eine jüngere Generation von Funktionären, die inhaltlich kaum vom ehemaligen „Flügel” abweicht, nach außen jedoch um ein professionelles Erscheinungsbild bemüht ist. Diese Strategie soll die Partei regierungsfähig erscheinen lassen, ohne grundlegende programmatische Positionen aufzugeben. Zugleich unterhält das Netzwerk Verbindungen zur außerparlamentarischen extremen Rechten.

Seinen Einfluss entfaltet das Netzwerk über informelle Absprachen und Aushandlung von Konsenslisten zwischen unterschiedlichen Lagern. Ziel ist es, offene Konflikte auf Parteitagen zu vermeiden. Auf diese Weise gewinnt die Gruppe Einfluss darauf, welche Personen zentrale Ämter erhalten und welche Themen die innerparteilichen Debatten prägen.

Das Münzenmaier-Netzwerk steht damit exemplarisch für die gegenwärtige Entwicklungsphase der AfD: äußere Professionalisierung bei inhaltlicher Kontinuität zum völkisch-nationalistischen Spektrum.

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